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„Schwartz & Schwartz“ im ZDF : Wer solche Nachbarn hat

  • -Aktualisiert am

Zwei Detektive, ein Fall: Devid Striesow (links) und Golo Euler als Andi und Mads Schwartz. Bild: ZDF und Hardy Spitz

Golo Euler und Devid Striesow geraten in „Schwartz & Schwartz“ unter die Populisten. Für Durchblick sorgt in diesem klugen Krimi neben Regie und Besetzung vor allem Kamerafrau Jutta Pohlmann.

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          Haben Saugroboter Gefühle? Träumen sie von blanken Böden? Die Eröffnungsszene des dritten Teils der Privatschnüffler-Serie „Schwartz & Schwartz“ legt jedenfalls eine solche Sicht der Dinge nahe. Morgens in einem blitzblanken Haus in gepflegter Umgebung, das Heim zu nennen man sich schwer tut: Gewürzbehälter stehen in Reih und Glied, er herrscht eine sterile Atmosphäre. Das schwarze runde Ding fährt los und inspiziert die Wohnung. Kameraperspektive Roboterauge (Kamera Jutta Pohlmann), schwarzweißes Bild, digitalisiert, leicht verfremdet. Der Roboter trifft auf einen Körper, wo keiner zu sein hat, und beginnt, die unpassende Pfütze mit rotierenden Bewegungen zu verteilen. Erst jetzt kommt tiefrote Farbe ins Spiel. Der Saugroboter scheint genug zu haben von der Sauerei. Er flüchtet durch die offene Terrassentür, durch das Gartentor zur Nachbarin.

          Das Auffinden einer Leiche wurde noch selten so entlarvend ironisch in Szene gesetzt. Auch später sieht man immer wieder Kleinode aus Pohlmanns Kamera: Während die Detektive Andi und Mads Schwartz an der Lagerhallentür des Inkassounternehmers Lennart Hartsch (Thomas Schmauser) auf Einlass warten, macht sich das Bild selbständig und wir lugen aus größerer Distanz um die Ecke. Wo eine Menge Motorräder und Rocker auf Einsatz in Hartschs wahren Geschäften warten.

          In der Folge „Wo der Tod wohnt“ bietet aber nicht nur der Blick auf die Szenerie Grund zur Freude. Eva Wehrum (Buch) und Alexander Adolph (Buch und Regie) merkt man die Lust an der Individualisierung ihrer auf dem inhaltlichen Niveau schon spannenden Geschichte an. Mit Vielschichtigkeit kennt sich der vielfach bepreiste Adolph aus. Für Senta Berger hat er die Reihe „Unter Verdacht“ kreiert. Dem Münchner Societyschneider Moshammer gab er in „Der große Rudolph“ seine Würde zurück, die der Boulevard zuvor gründlich zerstört hatte. Wehrums und Adolphs Spezialität sind auch bei „Schwartz & Schwartz“ Figuren mit vielen Facetten und Nuancen. Rollen, die auch nach entsprechend differenziert spielenden Darstellern verlangen.

          Hier sind es Devid Striesow und Golo Euler als Andi, der Trickser, und Mads, der Engagierte, respektive das ungleiche Brüderpaar Schwartz, das aus wirtschaftlicher Not eine Dilettanten-Detektei betreibt; Nina Kunzendorf und Brigitte Hobmeier als antagonistische Kommissarinnen Karin Lichtness und Iris Doppelbauer; Cornelia Gröschel als Mads Ehefrau Jasmin, die einen denkwürdigen Auftritt als vorgebliche Rechtspopulismus-Begeisterte in einem Asia-Restaurant beisteuert; Katja Studt als ermordete Blockwartin Clea Gerbel, zu sehen in dramaturgisch raffinierten Rückblenden und Hendrik Arnst als verwirrter Marlon Ortlieb, die sogenannte „verrückte Bestie“, der die Nachbarschaft mit lauter Musik dauerbeschallt und den der Stammtisch „besorgter Bürger“ alias widerwärtiger Kleingeister entfernen möchte – gern auch in den Maßregelvollzug.

          Die Tote führte akribisch Buch über die Ruhestörungen des sozial schwer erträglichen Ortlieb, den Kommissarin Lichtness, einst Mads Schwartz‘ verhasste Polizeiausbilderin, eigenhändig als Mörder verhaftet. Frauen könnten sich nun endlich wieder sicher fühlen, so führt Lichtness in ihrem Social-Media-Kanal aus, in dem die „Law-and-Order“-Hardlinerin, der politische Ambitionen nachgesagt werden, ihre populistisch-feministischen Botschaften verbreitet. Mitarbeiterin Doppelbauer bleibt misstrauisch und spielt den Schwartz-Brüdern über Ortliebs Tochter Kim (Monika Oschek) Material zu. Andi versucht sich in Priesterverkleidung und anderem Mummenschanz. Mads erfährt eine denkwürdige Behandlung in einer Kleintierpraxis.

          Es gibt eine Auflösung, aber die ist nicht das Ende dieses Krimi-Sittengemäldes aus den Tiefen gegenwärtiger deutscher Befindlichkeiten, in dem sich Nina Kunzendorf und Brigitte Hobmeier kurz vor Schluss einen bemerkenswerten verbalen Schlagabtausch liefern. Selbst Kriminalfilmverächter können in „Wo der Tod wohnt“ alles finden, was einen ausgezeichneten Fernsehfilm ausmacht.

          Schwartz & Schwartz – Wo der Teufel wohnt läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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