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ARD-Krimi „Die Informantin“ : Jenseits von Gut und Böse wartet die Frau

  • -Aktualisiert am

Vor Gericht keine Chance: die Trickdiebin Aylin (Aylin Tezel) Bild: ARD Degeto/Stefan Erhard

Im Dortmunder „Tatort“ steht die Schauspielerin Aylin Tezel auf der Seite des Gesetzes. In dem Drama „Die Informantin“ hat sie jetzt einen ganz anderen Part: Als Femme Fatale ist sie eine Wucht.

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          Wenn eine Geschichte von Anfang bis Ende völlig unglaubhaft ist, wir sie aber doch so gerne glauben möchten, weil sie einer eigenen, erhabenen Logik folgt, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein Märchen. Märchen wiederum handeln von der Liebe als Erwählung, von wunderschönen, aber armen Jungfrauen und von schmucken Prinzen, bisweilen im Plural. Exakt so ist das auch in diesem stilvollen, rasanten Porträt einer starken jungen Frau, die die Gabe hat, Männer in Sekunden um den Verstand zu bringen, selbst wenn diese gar keinen besitzen.

          Das Drehbuch von Ulrike Stegmann und Christof Reiling sieht vor, dass besagte Femme fatale ihr Jurastudium finanziert, indem sie sich an Männer ranschmeißt, um sie im Hotel auszurauben. Weil dieser nicht sonderlich ausgefuchste Trick einmal gründlich misslungen ist, dräut eine Verurteilung und – das Ende des Studiums. Da erhält die Protagonistin ein unmoralisches Angebot. Ausgefertigt wird es von einem hanebüchen freischwebenden Drogenfahndungsteam, bestehend aus einem Schönling und seiner Schwiegermutter (Ken Duken und Suzanne von Borsody).

          Gut oder böse reicht nicht

          Straffreiheit winkt, wenn Aylin, so heißt die Dame, sich als Informantin an den ebenfalls attraktiven, aber bösen Buben Musab (Timur Isik) heranmacht, der als straßenkluger Hauptschulabsolvent der Staatsmacht nämlich „immer einen Schritt voraus“ ist. Warum die Stuttgarter Ermittler bis nach Berlin gehen müssen, um eine Kleinkriminelle zu finden, die Männern schöne Augen machen kann, spielt da schon längst keine Rolle mehr. Die Lady mit Kleinmädchencharme jedenfalls gilt als „Sechser im Lotto“.

          Das gilt freilich auch auf andere Weise. Unausweichlich verliebt sich der oberlässig durchs Bild schlurfende Beschützer Jan in sie, und seine Gefühle scheinen erwidert zu werden. Die Schwiegermutter schaut in der Folge ununterbrochen grantig. Kurz: Es ist ein herrlich blödsinniges Drehbuch, das der Regie von Philipp Leinemann und der Kamera von Christian Stangassinger alle Freiheiten lässt, sich nach Herzenslust in den Genres zu suhlen. Und sie tun das mit Genuss, steigen ein mit einer harten, blutigen Thriller-Szene, setzen dann auf Knisterspannung à la Agentenfilm – Schafft sie das mit dem Peilsender, ohne aufzufliegen? –, bringen Milieuklamauk unter, denn der liebesblinde Musab legt sich für Aylin mit der eigenen Familie an und wird immer romantischer. Und doch biegen die Protagonisten noch mehrfach unverhofft ab. Denn Aylin hat trotz Jans Anweisung – „Aber denken darf ich schon?“ „Lieber nicht!“ – ihren eigenen Kopf.

          Das alles aber ist nicht einmal die halbe Miete, denn dieser eher trotz seiner Handlung anrührende, ja poetische Film lebt zu guten Teilen von Aylin Tezels Verführungskunst, die den Zuschauer gleich mitverzaubert. Die bis zu einer „Homeland“-Nebenrolle Aufgestiegene, die im Dortmunder „Tatort“ stets eine Spur zu naiv aufzutreten hat und deren Schönheit ihr mitunter im Weg steht, darf hier groß aufspielen. Für welche Seite sie sich entscheidet und ob überhaupt für eine, bleibt lange offen. Auch die Kamera liebt Aylin Tezel, inszeniert sie wie eine Märchenprinzessin auf goldener Wolke, und es ist köstlich, wie diese Figur Männer um den Finger wickelt: Kitsch, natürlich, aber eben unverschämter Kitsch bis ins Finale. Gut oder böse, so die Botschaft, reicht nicht: Man muss schon auch charmant sein und Frauen restlos vertrauen. Und selbst dann kann man noch begossen dastehen.

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