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Der israelische Serienerfinder Gideon Raff : Wenn in Israel ein Soldat verschwindet, geht das alle an

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Nur zwei von dreien kehren lebend zurück: Die Serie „Hatufim“ (Kriegsgefangene) bewegt in Israel die Gemüter, so wie es „Homeland“ in den Vereinigten Staaten tut Bild: Arte

Zwei Serien hat Gideon Raff entworfen: „Homeland“ und „Hatufim“. In beiden geht es um Kriegsgefangene, die in die Heimat zurückkehren. Und doch könnten die Stücke nicht gegensätzlicher sein. Gideon Raff im Gespräch.

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          Herr Raff, Sie sind vierzig Jahre alt und sowohl in Israel als auch in den Vereinigten Staaten sozialisiert.

          Ja, ich bin bis zum Alter von sieben Jahren in Washington, D.C., aufgewachsen, dann verbrachte ich mein Leben in Israel. Später lebte ich zwei Jahre in New York und neun Jahre in Los Angeles, aber ich würde mich immer als Israeli bezeichnen. Dennoch bin ich zerrissen zwischen den beiden Gesellschaften.

          Sie haben mit „Hatufim“ und „Homeland“ zwei Serien geschaffen, die jeweils in diesen Gesellschaften angesiedelt sind und dieselbe Prämisse haben: Heimkehrende Kriegsgefangene werden verdächtigt, mit dem Feind zusammenzuarbeiten. Aber die Serien sind ganz unterschiedlich angelegt. Warum?

          Der Umgang mit Kriegsgefangenen ist in beiden Ländern sehr unterschiedlich. In Israel sind die Verhandlungen um die Freilassung israelischer Soldaten ein zentraler Teil der öffentlichen politischen Debatte. Unsere Soldaten sind uns fast heilig, wir alle dienen in der Armee, und was einem von ihnen passiert, geschieht uns allen. Die amerikanische Regierung dagegen verhandelt nicht über Kriegsgefangene. Ich habe während des Irakkrieges und des Afghanistankrieges in Amerika gelebt, aber man sieht hier keine Särge, man sieht keine Soldaten-Beisetzung im Fernsehen. Nick Brody aus „Homeland“ kehrt deshalb nach einem Militärschlag zurück, während Nimrod und Uri aus „Hatufim“ nach langen, zähen Verhandlungen freigelassen werden. Ich staune, dass sogar meine amerikanischen Freunde, die größtenteils politisch sehr gut informiert sind, nicht wissen, dass sich seit drei Jahren ein amerikanischer Soldat in Gefangenschaft der Taliban befindet. Wenn in Israel ein Soldat verschwindet, ist das fünfzehn Minuten später in den Nachrichten.

          Gideon Raff
          Gideon Raff : Bild: Frederick M. Brown/Getty Images

          Die Idee zu „Hatufim“, haben Sie einmal gesagt, entstand aus Ihrer eigenen Sehnsucht nach Heimkehr.

          Ich habe in Los Angeles studiert, eigentlich wollte ich zwei Jahre bleiben, aber es wurden neun daraus. „Hatufim“ begann mit dem Gedanken, meinen Weg zurück nach Hause zu finden - sowohl physisch als auch im Hinblick auf ein Projekt. Dieser Impuls, gepaart mit einem Thriller-Element, ließ die Serie über die Heimkehr zweier israelischer Soldaten aus palästinensischer Gefangenschaft entstehen.

          Die Dreharbeiten zu „Hatufim“ in Israel hatten noch nicht begonnen, da hatten Sie schon die amerikanische Version, „Homeland“, an das amerikanische Fernsehen verkauft. Wie kam es dazu?

          Ich hatte das Drehbuch zu „Hatufim“ dem israelischen Fernsehsender Keshet gesandt, dessen Chef mich bat, es ins Englische zu übersetzen, um es dem Agenten Rick Roven zu geben. Der wiederum schickte es den amerikanischen Autoren Alex Gansa und Howard Gordon, die soeben „24“ abgeschlossen hatten. Wir trafen uns in Los Angeles und begannen zu überlegen, wie man das als amerikanische Serie gestalten könnte. Es hat mir natürlich geholfen, dass ich mir durch meinen neunjährigen Amerika-Aufenthalt die amerikanische Psyche ein Stück weit erschlossen hatte.

          Sie waren auch während der Anschläge vom 11.September 2001 in Amerika. Wie hat das Ihren Blick auf die amerikanische Psyche geprägt?

          Man spürte die Erschütterung auf dem ganzen Kontinent, und das hat sich auch in meiner kreativen DNA niedergeschlagen. Es hat die Vereinigten Staaten stark verändert, gewisse Maßstäbe von Gut und Böse wurden irrelevant, ebenso wie bestimmte Vorstellungen von Sicherheit. Als Israeli bin ich mit einer Weltsicht aufgewachsen, in der jeder Moment der letzte sein kann, aber ich beobachtete meine amerikanischen Freunde bei der Dekonstruktion ihrer grundsätzlichen Vorstellungen von Sicherheit und Freiheit. In Amerika gab es einen Verlust von Naivität, von Unschuld durch 9/11. Das Gefühl grenzenlosen Selbstvertrauens ging verloren.

          In „Homeland“ befindet sich Claire Danes im Antiterrorkampf
          In „Homeland“ befindet sich Claire Danes im Antiterrorkampf : Bild: Sat.1

          „Homeland“ ist denn auch in erster Linie ein Thriller, der sich um die Frage dreht, wem man eigentlich noch trauen darf. „Hatufim“ dagegen ist ein tief bewegendes Familiendrama und handelt vom Preis der Loyalität.

          Ich wollte in „Hatufim“ eine Frauenfigur haben, die all diese Jahre gewartet hat und sich nun plötzlich an der Seite eines Fremden findet. Und ich wollte eine Figur haben, die nicht gewartet hat, um weiterleben zu können. Wir wachsen damit in Israel auf: Würdest du warten oder nicht? Ist es fair zu verlangen, dass die Frauen warten? Wie gehen die Brüder, Schwestern, die Familien mit dieser Situation um? „Homeland“ dagegen habe ich mit Alex Gansa und Howard Gordon kreiert, zwei Männern, die ihren Finger am Puls des amerikanischen Zeitgeists haben. Die Serie ist ein atemberaubender Thriller: Ist Brody ein Terrorist oder nicht?

          Nach den Anschlägen von Boston steht nun auch wieder die Ausweitung von Überwachungsmaßnahmen zur Debatte, die in „Homeland“ sehr eindrucksvoll thematisiert wird.

          Ja, es ist äußerst beunruhigend, wie die Ermittlerin Carrie Mathison Brodys Privatsphäre verletzt. Mathison überschreitet ihre Kompetenzen und bricht Gesetze, um Brody des Terrorismus zu überführen. Aber wir lassen sie gewähren, weil wir Angst haben, dass sie vielleicht recht hat.

          In der „Jerusalem Post“ erschien kürzlich ein Artikel, der die Verhängung der Ausgangssperre in Boston und die bereitwillige Aufgabe von Freiheitsrechten in Frage stellte.

          Unglücklicherweise sind wir in Israel im Hinblick auf Terror-Attacken sehr gebildet, und es ist fast furchterregend, wie schnell wir zur Normalität zurückfinden. Die Frage ist natürlich, wie viel unserer Privatrechte wir zugunsten von Sicherheit aufgeben wollen. Aber ich bin immer noch schockiert, dass ich in Amerika zu einer Konferenz oder in ein Hotel gehen kann, ohne dass mich jemand überprüft. In Israel gibt es in jedem Einkaufszentrum, im Bus, im Kino Sicherheitspersonal, überall werden Taschen und Rucksäcke durchsucht.

          Israelische Fernsehserien finden zunehmend Aufmerksamkeit in Amerika. Woran liegt das?

          Wir sind eine kleine Demokratie mit westlichen Werten und teilen Empfindlichkeiten mit dem Rest der Welt. Wir haben einen kleinen Fernsehmarkt und schmale Budgets, aber da wir ein offenes Land sind, sehen wir alles, was anderswo produziert wird. Es setzt die Fernsehmacher in Israel natürlich stark unter Druck, wenn sie für 200.000 Dollar eine Episode produzieren müssen und das Publikum an „Breaking Bad“ gewöhnt ist. Man muss also ungeheuer kreativ sein, um ein Publikum zu gewinnen.

          Heimkehr: „Hatufim“ und „Homeland“

          Es ist beachtlich, wenn ein Fernsehautor den Finger in die Wunden gleich zweier Nationen legt. Mit der israelischen Serie „Hatufim“ und ihrer amerikanischen Version „Homeland“ hat Gideon Raff das geschafft. Letztere (Raff koproduziert sie mit den Autoren der Thrillerserie „24“, Alex Gansa und Howard Gordon) verarbeitet die Verunsicherung der Amerikaner nach den Anschlägen des 11.September 2001 als klugen Thriller: Während die amerikanische Öffentlichkeit den Soldaten Nick Brody (Damian Lewis) nach seiner Heimkehr aus achtjähriger Gefangenschaft als Helden feiert, glaubt die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes), dass Brody „umgedreht“ wurde und einen Terrorakt plant. Nicht nur überschreitet sie beim Versuch, ihre These zu untermauern, juristische und ethische Grenzen, sie verheimlicht zudem ihre manisch-depressive Störung.

          Auch „Hatufim“ (Kriegsgefangene) handelt von Heimkehrern. Doch blickt das Original, das in Israel demnächst in dritter Staffel läuft, zuerst auf die Folgen der Gefangenschaft für Familien und für die Soldaten selbst. Der äußerlich souveräne Nimrod (Yoram Toledano) kehrt in die Arme seiner Frau Talia (Yael Abecassis) zurück, die siebzehn Jahre lang für seine Freilassung gekämpft hat und ihm nun fremd ist, seine fast erwachsenen Kinder sehen ihn als Eindringling. Nimrods Kamerad Uri (Ishai Golan) ist ein nervöses Wrack, seine einstige Verlobte Nurit (Mili Avital) ist inzwischen mit seinem Bruder verheiratet. Uri klammert sich an die Briefe seiner verstorbenen Mutter, die die Unbeständigkeit der Hoffnung dokumentieren. Ein dritter Soldat, Amiel (Assi Cohen), kommt im Sarg heim, doch seine Schwester Yael (Adi Ezroni) kann den Gedanken an Amiels Tod in der Haft nicht ertragen; sie trifft ihn regelmäßig im Geiste.

          Wie in „Homeland“ werden auch in „Hatufim“ die Heimkehrer, hier von einem Armeepsychologen, verdächtigt, unter Einfluss des Feindes geraten zu sein, auch hier wird bald klar, dass Uri und Nimrod etwas verbergen. Aber „Homeland“ ist ein Thriller, der seine Spannung aus der politischen Verunsicherung zieht, die zuletzt durch die Bombenattentate von Boston neue Schärfe gewann. „Hatufim“ dagegen blättert ein bewegendes Familiendrama auf, das mitten im israelischen Alltag stattfindet. Meisterhaft gemacht sind beide Serien. (nin.)

          Hatufim beginnt Donnerstag, 21 Uhr, bei Arte.

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