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„Bruderliebe“ bei Arte : Solange das Herz schlägt

  • -Aktualisiert am

Einer trägt des anderen Last: die Brüder Markus und Michael Bild: © Timm Lange

Glaube, Liebe, Training: Arte zeigt eine leise, aber zutiefst hoffnungsvolle Dokumentation über den Einsatz eines Mannes für seinen verunglückten Bruder. Nur leider in einer stark gekürzten Fassung.

          3 Min.

          Eine der wenigen Legenden, die Abend- und Morgenland verbinden, ist die von Kain und Abel: Der Brudermord am Beginn aller Zivilisation fand seinen Weg von der jüdischen Mythologie in die christliche wie die islamische Überlieferung. Vielleicht war das der Fehler im System, der Wildtyp des Verrats. Wer sich für das Gegenteil interessiert, die Bruderliebe, für den hält Arte heute einen unbedingt sehenswerten Film bereit. Vordergründig handelt er von der bravourösen Pflege eines Angehörigen, stellt aber zugleich ein fulminantes Plädoyer für konkrete Nächstenliebe dar und bringt ein wenig Zuversicht in unsere immer stärker vom Katastrophischen geprägte Gegenwart.

          Die Ärzte gaben ihn auf

          Markus Becker wurde im Jahr 2008 von einem Auto angefahren und stürzte auf den Kopf. Die Ärzte gaben ihn schnell auf, einen Mittvierziger im Wachkoma; der mit der Situation überforderte Vater („Is alles nit so, wie’s sollt sin“) wollte bereits ein Grab bestellen. Nur einer der fünf Brüder, Michael (mit passendem Namen), konnte das nicht akzeptieren, weil er bemerkte, dass Markus durchaus auf Reize reagierte.

          Michael nahm einige Videos für ihn auf, sammelte Stimmen und alte Erinnerungen. Damit fing es an. Dann traf er eine weitreichende Entscheidung: Er kündigte seinen Job und zog mit dem kaum bewegungsfähigen Bruder zusammen, um ihn viele Jahre lang pausenlos zu pflegen und zum Wiedererlernen vieler Fähigkeiten zu animieren („ich bin der Richtige, das zu machen“). Obwohl der Pflegende dabei auf sein eigenes Leben verzichtet, begreift er das nicht als Aufopferung, weil ihm diese Arbeit viel gebe: „Eine solche Qualität“ hätten seine früheren Jobs nicht gehabt.

          Michael kümmert sich um Markus

          Tatsächlich beeindruckt es, wie kompetent sich Michael um Markus kümmert, stets zugewandt, aber auch fordernd, kreativ und mit Humor, körperlich nah und doch respektvoll. Dass wir das überhaupt wissen können, liegt an einer zweiten Entscheidung, nämlich der, den gesamten Prozess von Anfang an zu dokumentieren.

          Michael hat sein Tun bereits viele Stunden lang mitgefilmt, als die Verbindung zu der Dokumentarfilmerin Julia Horn entsteht, die von da an mit einem Kamerateam die Brüder über viele Jahre immer wieder besucht. Aus dem eigenen, intimen Filmmaterial Michael Beckers und den professionellen, hier und da unprätentiös ins Poetische geweiteten Aufnahmen – etwa ein Blick von oben auf die Liegenden im Park – hat Julia Horn gemeinsam mit den Editoren Alexandra Karaoulis und Johannes Hiroshi Nakajima einen in seiner Intensität unvergleichlichen Film montiert.

          Markus wollte ans Meer. Da war er noch nie.
          Markus wollte ans Meer. Da war er noch nie. : Bild: © Timm Lange

          Wir begleiten die langsamen, aber erstaunlichen Fortschritte in Markus’ Entwicklung (die so weit gehen, dass er im Jahr 2019 die Uraufführung des Films in Köln besuchen konnte, im Rollstuhl zwar, aber geistig voll da); wir nehmen teil an Michaels Kampf mit auf Effizienz getrimmten Pflegediensten; wir sehen die zweimalige Rückkehr ins heimische Saarland, was zu erschütternden Szenen innerhalb der implodierten Familie Becker führt.

          „Es geht weiter mit dem Leben“

          Die auf einem Campingplatz stattfindende Wiederbegegnung mit dem Vater, der den Sohn aufgegeben hatte, ist trotz der Reduktion auf Blicke und Gesten von einer emotionalen Dichte, wie sie kein Fernsehrührstück erreicht. Wir sind dann ebenfalls dabei, als Michael, der seine zunehmende Deprimiertheit klug reflektiert, nach Jahren ausgebrannt wirkt und einen Herzinfarkt erleidet. Auch diesen Rückschlag wird er meistern: „Wenn das Herz schlägt, geht es ja noch weiter mit dem Leben.“ Und doch wird es nun Zeit für eine Trennung der beiden Leben.

          Gerade weil dieser Film in seiner eigenen Zeit spielt und den Zuschauern vor allem über die gedehnte Dauer einen Eindruck davon vermittelt, welch langer Weg hier gegangen wird, ist es unverständlich, warum Arte nicht die eindringliche Kinofassung zeigt (oder wenigstens in die Mediathek einstellt), sondern eine um ein Drittel gekürzte, verstümmelte Fassung.

          Aber selbst da gilt noch: Ein so nahscharfes, ehrliches und bei allen tragischen Voraussetzungen zärtlich hoffnungsvolles Porträt der Humanität in ihrer Alltagsgestalt gibt es selten zu sehen. Es ist nur eine kleine, drei Brüder (Bruder Frank kommt noch zu Hilfe) umfassende Zelle der Menschlichkeit, aber diese von außen vielleicht prekär wirkende Zelle, das arbeitet der Film nach und nach heraus, besitzt einen unzerstörbaren Kern. Der besteht aus grenzenlosem Vertrauen in- einander. Und das ist ein Fundament, auf dem sich eine Zivilisation weit besser gründen ließe als auf einem tödlichen Bruderzwist um die Gunst Gottes.

          Mehr noch: Man wünscht sich geradezu, Kain und Abel hätten einander derart selbstverständlich beigestanden und ihren ungerechten Übervater, der leckeren Hammel schnödem Gemüse vorzog, ähnlich resolut mit seiner Gefühlskälte konfrontiert, wie es hier dem zwar immer noch überforderten, immer noch als Oberhaupt agierenden, aber doch ins Stammeln und Grübeln kommenden Familienpatriarchen ergeht. Er muss vor laufender Kamera einsehen, dass der Glaube ans Leben Berge versetzt und die Liebe selbst ärztliche Prognosen bezwingt. Als die Brüder dann noch an die Küste fahren, das Versprechen einlösend, was zu geschehen hätte, wenn Markus’ Weg zurück ins Leben geschafft wäre („der war noch nie am Meer“), da ist es fast – und wird musikalisch behutsam untermalt –, als stiege ein Jubeln aus der Brandung.

          Bruderliebe läuft heute um 21.50 Uhr auf Arte.

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