https://www.faz.net/-gqz-72rlw

„Der Hafenpastor“ im Ersten : Der legt sich mit allen an

  • -Aktualisiert am

Zwei Seiten St. Paulis: Jan Fedder als Kiezpastor Stefan Book und Uwe Bohm als Bordellbesitzer Bodo Schüler Bild: ARD/Degeto/NDR

Mit wenig Pathos, flottem Drehbuch und einem herausragenden Jan Fedder: Eine junge Afrikanerin soll aus St. Pauli abgeschoben werden, „Der Hafenpastor“ kämpft für ihren Verbleib.

          Der macht mich feddich, der Bengel!“, brüllt Jan Fedder mit hochrotem Kopf und norddeutscher Schnauze. Er spielt den bodenständigen, abgebrannten, aber sich kümmernden Pastor Stefan Book in St. Pauli, und „feddich“ macht ihn eines seiner Schäfchen, ein dreizehnjähriger Kleinkrimineller. Wo denn seine Mutter sei, fragt der Pastor den Jungen. „Keine Ahnung, die ist Hartz IV.“ Und was er später mal machen wolle? „Auch so was in die Richtung.“

          Um den Jungen geht es zwar nur am Rande in „Der Hafenpastor“, aber die Szene zeigt ganz gut, dass sich hinter dem drögen Titel ein flottes, freches Drehbuch verbirgt, das mitten hinein möchte in den Kiez, in die Probleme und die Missstände, was ihm allerdings nur oberflächlich gelingen soll. Der Film handelt von einem Mädchen aus Afrika, das in Deutschland bis zu seinem Abitur geduldet wurde und nun, nach erfolgreichem Schulabschluss, wieder abgeschoben werden soll. Adoma flieht vor der Polizei und findet Zuflucht in der Kirche von Pastor Book. Der kämpft für ihren Verbleib im Land und gegen den Kirchenvorstand, gegen das Amt und gegen die Polizei.

          Ein Hervorragendes Ensemble

          Fedder mimt den Pastor am Kiez so, wie man sich einen Pastor am Kiez vorstellt. Vorlaut und direkt, trotz kürzlichen Herzinfarkts mit Alkohol- und Zigarrenproblem, der auch in Predigten kein Blatt vor den Mund nimmt: „Wehe, wenn ich den Spacken erwische, der in meiner Abwesenheit ins Pastorat eingebrochen ist. Amen.“ Es ist die Paraderolle von Jan Fedder, der auch sonst fast nur norddeutsche Typen gibt.

          Neben Fedder ist das gesamte Ensemble hervorragend, was auch an der wunderbaren Figurenkonstellation liegt. Pastor Books Gegenspielerin bei der Polizei ist seine Schwester, mit der Sachbearbeiterin im Amt beginnt er eine Liebelei, mit der resoluten Pflegerin, die er nach seinem Herzinfarkt an die Seite gestellt bekommen hat, liefert er sich die eine oder andere Kabbelei, Küster Eddi (“Ich sag dir, bald kommt der ganze Stamm nach“) will Adoma nur loswerden. Uwe Bohm spielt einen schleimigen Bordellbesitzer, der in Books Kirche eine seiner Stripperinnen heiraten möchte. Und Martina Offeh zeigt viel Talent in ihrer Rolle der von der Abschiebung bedrohten Adoma.

          Nach einem wahren Fall

          Ensemble und Drehbuch (Stefan Wild) machen den Film sehenswert, die Regie (Stephan Meyer) hält sich angenehm zurück. Pathos kommt nur selten auf. Und wenn es doch einmal pathetisch wird, wenn die Musik zum Beispiel Samuel Barbers „Adagio for Strings“ einsetzt, das vielen als traurigstes klassisches Stück gilt und im Übermaß in dem Antikriegsfilm „Platoon“ gespielt wird, reißt man sich nach wenigen Sekunden plötzlich zusammen und stimmt ein anderes Hintergrundlied an. Ansonsten folgt „Der Hafenpastor“ einer ganz klassischen Komödiendramaturgie mit dem tiefen Fall im vorletzten und Läuterungen und wiederhergestellten Beziehungen im letzten Akt.

          Obwohl Adomas Situation an einen wahren Fall angelehnt ist, taugt er doch nur bedingt, um die Abschiebung von Menschen zu thematisieren. Tatsächlich geht es, und das ist schade, wenig um konkrete Abschiebepraktiken in Deutschland. Das Asylrecht mit all seinen Schwächen kommt nur nebenbei zur Sprache, als handele es sich um ein lästiges, abzuhandelndes Pflichtthema, das für solch einen Film eben doch zu wenig griffig ist. Der vorgestellte Einzelfall - Abiturientin, die ihr Leben in Deutschland eingerichtet hat und keinerlei Sozialleistungen bezieht, soll in ihr Heimatland abgeschoben werden, in dem sie missbraucht und verstümmelt wurde - ist in seiner Unsinnigkeit und Ungerechtigkeit zwar deutlich und zieht den Zuschauer leicht auf eine Seite. Wie der Kampf ums Asyl und um einen Platz in der Welt in Gesetz und Behördenapparat aber wirklich aussieht, das ist etwas anderes.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Hessen : CDU und Grüne einigen sich auf Koalitionsvertrag

          Bis in die frühen Morgenstunden haben sie verhandelt. Nach Elf Stunden endlich die Einigung: Die Grünen erhalten mehr Ressorts. Die schwarz-grüne Koalition in Hessen wird fortgesetzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.