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„Der große Rausch“ bei Arte : Drogenmarkt ist Weltmarkt

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Der globale Drogenkrieg in Mexiko haben die Drogenkartelle ihr Land in eine Spirale der Gewalt gestürzt. Die Arte-Dokumentation „Der große Rausch“ zeigt auch die internationalen Zusammenhänge des globalen Drogenhandels. Bild: ARTE France/Yami 2

In „Der große Rausch“ zeigt Arte die Verästelungen des Drogenhandels auf. Die Dokumentation beleuchtet einen Welthandelskosmos der anderen Art. Das ist Geschichtsfernsehen par excellence.

          2 Min.

          Seit Virologen in der Corona-Krise politische Entscheidungen beeinflussen wie sonst nie, mehren sich Stimmen, die das kapitalistische Wirtschaftssystem in Frage stellen. Globalisierungszweifler haben Konjunktur, Staatsdirigismus ist en vogue. Für diejenigen, die Covid-19 für einen überraschenden Preis der internationalen Freizügigkeit halten, hält Arte mit der Dokumentation „Der große Rausch“ Anschauungsmaterial für den individuellen Urteilstest bereit. Heroin- und Kokainhandel bilden, obwohl illegal, den drittgrößten Wirtschaftszweig der Welt, die Umsätze entsprechen dem Erdöl- und Textiliengeschäft. „Drogen dirigieren ihre ganz eigene Globalisierung“, heißt es hier. Obwohl man das neuartige Virus nicht direkt mit der Verbreitung harter Drogen in den letzten 200 Jahren vergleichen kann, sind gewisse Analogien interessant.

          Filmemacher Christophe Bouquet, der zahlreiche historische Fotografien des Opiumhandels, Archivmaterial etwa der amerikanischen Armee in Vietnam oder der Farc-Miliz in Kolumbien montiert, erzählt eine etwas andere Geschichte des Imperialismus. So weit ausholend der globale Drogenhandel dargestellt, so plastisch die Historie der korsischen Mafia und der „French Connection“ oder späterer sizilianischer Verbrechergrößen, des Mordwütens mexikanischer Kartelle oder der Drogenkonsum der Flower-Power-Generation entfaltet wird, so erschreckend sind die zahlreichen Bilder von Drogentoten oder Ermordeten. Informativ wie dieser Dreiteiler auch sein mag, zeigt er durch seine Montage auch auf, dass der Drogenhandel Armut und Tod produziert.

          Im Grunde begann alles mit dem Wunsch der Engländer, direkten Zugang zum chinesischen Markt zu bekommen. Das erste Kapitel, „Die Blumen des Bösen“ (Baudelaire), setzt 1790 ein. Im Tal von Benares in Indien optimieren die Kolonialisten den Schlafmohnanbau. China ist die am weitesten entwickelte Konsumwirtschaft der Welt, Opiumrauchen gehört zur Kultur. Von der britischen Krone erhalten die Unternehmer William Jardine und James Matheson den Auftrag, die Droge nach China zu schmuggeln und an die Feinde des Kaisers, die Triaden, zu verkaufen. Die Zersetzung der Zentralmacht wird so beschleunigt. Privatwirtschaftliche und geopolitische Interessen treffen sich in den Opiumkriegen. Als China den Briten Hongkong als Kronkolonie überlassen muss, wird die Bank HSBC für die Drogenzahlungen gegründet, heute ist sie die sechstgrößte Bank der Welt.

          Beiläufig erzählt „Der große Rausch“ auch die Entwicklung der Drogen selbst. Heinrich Emanuel Merck erfindet das Morphium. Kokain wird anfangs gegen die „Hysterie“ von Frauen eingesetzt und auch vom jungen Sigmund Freud gelobt. Heroin entsteht als Asthmamittel und wird bei Säuglingshusten empfohlen. Erst nach dem Verbot entstehen die illegalen Kartelle, schlägt die „Stunde der Drogenbarone“, auch eines Massenmörders wie „El Chapo“ Guzmán.

          Knotenpunkt Marseille, die Triaden, die „Pizza Connection“, Vietnamkrieg, die Verquickung von Geheimdiensten und Mafia, die Rollen Mexikos und Kolumbiens, die Sowjets in Afghanistan, die Taliban, die Mafia und der Aufstieg Chinas im Drogengeschäft mit Fentanyl – die Dokumentation nimmt sich Zeit für die Geopolitik als auch für einzelne Fallgeschichten. „Der große Rausch“ schreibt Welthandelsgeschichte als Drogengeschichte, ohne zu verherrlichen oder zu banalisieren: drei Stunden Geschichtsfernsehen par excellence.

          Der große Rausch, um 20.15 Uhr bei Arte.

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