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„Der große Kater“ auf Arte : Überlebt der Präsident?

Bruno Ganz spielt einen Präsidenten, der sich trickreich aus der Affäre zieht, Marie Bäumer spielt die Gattin Bild: Arte

Im Stande der Unschuld gedreht - und doch passend zum Tag: Arte zeigt „Der große Kater“ nach dem Roman von Thomas Hürlimann. Es geht um einen Präsidenten, der alles zu überstehen scheint.

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          „Der Bundespräsident befindet sich in einer Glaubwürdigkeitskrise“, verkündet das Radio, und im Fonds der Limousine sitzt der Präsident und hört es sich an. Er duldet still und gibt sich harmlos, denn im Hintergrund gibt es ein großes privates Geheimnis, an das die Öffentlichkeit nicht rühren soll. Alte Freundschaften erweisen sich dabei jedoch als zwiespältiger Rückhalt. Und die Protokollabteilung des Bundespräsidenten tut zwar ihr Bestes, um das Wahlvolk abzulenken, doch letztlich umsonst. Also beginnt nun der Präsident, mit den Medien zu spielen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist, knapp dargestellt, der Gegenstand eines Films, der heute Abend zur besten Sendezeit auf Arte läuft. Trotzdem muss der Programmdirektor in Straßburg seine Mailbox nicht abhören, denn es handelt sich um einen Spielfilm, der schon vor einiger Zeit im Kino lief und somit im Stande der Unschuld gedreht wurde: „Der große Kater“. Er spielt zudem in der Schweiz. Und es steckt auch kein Wulff im präsidialen Schafspelz, sondern ebenjener Kater. So nennt man diesen Bundespräsidenten, dem man nachsagt, dass er alles überstehe.

          Ein Film hat nie besser gepasst

          Thomas Hürlimann hat diese Geschichte als Roman schon 1998 aufgeschrieben, Wolfgang Panzer elf Jahre später verfilmt, und heute könnte man den Weltgeist für einen boshaften Spielkameraden halten, weil Arte die Sache just am 6.Januar 2012 erstmals ins Fernsehen bringt. Besser hat noch selten ein Film zur Aktualität gepasst.

          Auch der Schweizer Bundespräsident droht sich um Kopf und Kragen zu schweigen. Wie Wulff fordert er das Luxuriöseste für sich ein, was Menschen im Rampenlicht verlangen können: Privatsphäre. Im „Großen Kater“ hat das Staatsoberhaupt ein sterbenskrankes Kind, von dessen Leid niemand etwas erfahren soll. Die präsidiale Ehe geht darüber in die Brüche.

          Aus einer fulminanten Darstellerriege (Marie Bäumer, Christiane Paul, Ulrich Tukur, Edgar Selge) ragt Bruno Ganz heraus. Er spielt diesen „Kater“, der aus durchaus verständlichen Gründen das Mausen nicht lassen kann. Der geniale Zug von Hürlimanns Geschichte besteht darin, beim Leser sowohl Mitleid als auch Abscheu für den Bundespräsidenten zu wecken. Das gelingt Panzers Film auch. Der Präsident ist ein Mann, der die Familie längst dem Machtgewinn geopfert hat, als er sich auf sie besinnt. Und darum nimmt seine Frau die Wandlung nicht ernst.

          Ja, es ist schwer, Politikern zu glauben, die plötzlich behaupten, etwas gelernt zu haben. Der „Kater“ erhält übrigens seine Privatsphäre. Aber zu welchem Preis?

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