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„Der Freitag“ : Ein Wort soll das andere geben

Jakob Augstein setzt beim Relaunch des „Freitag” auf den mitdiskutierenden Leser Bild: Christian Thiel

Der Verleger Jakob Augstein hat viel vor. Aus der ostdeutschen Traditionszeitung „der Freitag“ soll unter seiner Regie nichts weniger werden als eine „linke F.A.Z.“. Im Verein mit dem „Guardian“ will er eine Debattenkultur im Internet gebären, wie wir sie noch nicht kennen.

          Vielleicht ist diese Zeit, da allenthalben über das Ende des Printjournalismus spekuliert wird, gerade die beste, ein neues Zeitungsprojekt zu stemmen. Der Verleger Jakob Augstein, seit anderthalb Jahrzehnten Journalist, hatte im letzten Mai die schwächelnde Wochenzeitung „Freitag“ gekauft, die es, wäre es anders gekommen, vielleicht gar nicht mehr gäbe. Jetzt heißt das Blatt „der Freitag“, hat ein frisches, modernes Layout, mehr Mitarbeiter und vor allem Anzeigen als zuvor und einen noblen Partner, den britischen „Guardian“. Von dem will Augsteins „Freitag“ nicht nur jede Woche einige Beiträge aus der weiten Welt übernehmen, sondern – das ist zumindest seine Absicht – auch die Distanz zu festgebackenen oder nebulösen Ideologien.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Das würde dem Profil des 1990 aus dem ostdeutschen „Sonntag“ hervorgegangenen Wochenblatts wahrscheinlich gut bekommen. Denn zum Schluss schien der nun ehemalige „Freitag“ wie erstarrt zu sein im programmatischen, irgendwo in der Welt von Günter Grass und Daniela Dahn angesiedelten Ostwest-Monolog, für den sich, trotz einiger tapferer Versuche, aus dem Graben herauszukommen, schließlich nur noch eine kleine, treue Leserschar zu interessieren schien.

          Der Redakteur als social networker

          Das alles soll nun ganz anders werden, nur die vier Herausgeber – neben Daniela Dahn und György Dalos Friedrich Schorlemmer und Fritjof Schmidt – bleiben. Das alte Redaktionskollegium auch, Jakob Augstein schätzt es und hat es, so wird erzählt, für seinen anspruchsvollen, aufwendigen Aufbruch schon gewonnen; vor allem für die Online-Redaktion sind neue, jüngere Redakteure hinzugekommen. Von der „Süddeutschen“ hat er sich Philip Grassmann als Chefredakteur geholt und für die tägliche Online-Ausgabe Jörn Kabisch von der „taz“. Die beiden verantworten ein in Deutschland bisher einmaliges Projekt: die Gleichberechtigung von Print und Online. Was heißen soll, dass nicht nur die Zeitung kostenlos ins Netz gestellt wird, sondern Leser sich intensiv an den Debatten beteiligen. Der „Freitag“ möchte Qualitätsjournalismus und Social Networking verbinden und, wenn alles gutgeht, ein Meinungsforum aufbauen, das die Professionalität der Journalisten nutzt für das basisdemokratische Internet und umgekehrt. Ein Versprechen vorerst, getragen von der Begeisterung des Verlegers, seiner Redaktion und der eigensinnig- kreativen Bloggerzunft.

          Ziel ist es, eine sogenannte Community aufzubauen, so breit gespannt wie nur möglich; auch hier ist der britische „Guardian“ Vorbild, der stolze dreizehn Millionen Nutzer vorweisen kann. Das ist einerseits gut für den Anzeigenmarkt, zieht außerdem gewiss die von allen Zeitungen umworbenen jungen Leser an und soll, das ist Augsteins ehrgeiziger Wunsch, einen seiner Ansicht nach gerade freien Raum besetzen: den politischen Diskurs am linksliberalen Rand. Die Hinwendung zur Mitte, nicht nur der Politik, sondern auch des deutschen Meinungsjournalismus, der schlimmstenfalls im Mainstream verharre, habe, so Augsteins Überzeugung, eine Leerstelle hervorgebracht, eine gewisse Scheu, klare und erkennbare Positionen zu vertreten. Diese, seine dazu proklamierte publizistische Nische, will er besetzen, mit guten Artikeln und dem unaufhörlichen Gespräch mit und unter den Lesern – bei Tag und bei Nacht. Augstein will diese Zeitung übrigens von seiner Kritik am watteweichen Meinungsjournalismus ausnehmen, weil er die ihr eigene Debattenkultur bewundere, die immer wieder überrasche. Jüngst bekannte er in einem Interview, sein „Freitag“ müsse sozusagen „die linke F.A.Z.“ werden.

          Was heißt „links“?

          Das klingt ambitiös, kommt aber aus dem Munde eines in sich ruhenden, eher zurückhaltenden, gleichwohl streitbaren Menschen, den als Reporter das Zuhören und genaue Beobachten auszeichnet und der halbe Sachen verabscheut. Was unter „links“ zu verstehen ist, bleibt dabei noch reichlich unscharf, zumal sich das erneuerte Blatt unbedingt von der Linkspartei und ihrer Begrifflichkeit absetzen und keinesfalls vereinnahmen lassen will. Die Weltwirtschaftskrise, das gerade angebrochene Superwahljahr, die amerikanische Wende und der dort längst im Internet etablierte politische Diskurs liefern für das „Freitag“-Projekt jedenfalls jede Menge Anlässe, deutlich Farbe zu bekennen.

          Die erste neue Ausgabe ist ein Signal, will sich gleich mit den Leitartikeln zu Krise und Erdogans demonstrativen Auftritt in Davos frech und polemisch einmischen, die Online-Debatte kommt da, wie erwartet, noch nicht ganz hinterher. Das neue Buch „Alltag“ macht mit einer Übernahme aus dem „Guardian“ auf: ein Porträt der wunderbaren, leidenschaftlichen Tilda Swinton. Der „Titanic“-Exchefredakteur Martin Sonneborn eröffnet das Superwahljahr mit sich und seiner satirischen Parteilichkeit, sämtliche Klischees wie stets flott zerlegend. Im Kulturteil fällt ein Interview mit einem Stauffenberg-Enkel auf, der jetzt Schauspieler ist, vorher aber Investmentbanker in London war und gescheit über Kapitalismus, Banken- und Lebenskrisen reflektiert.

          Bisher wurde der „Freitag“, noch ohne Demonstrativpronomen, fast nur im Osten der Republik gelesen. Jakob Augstein, trotz seiner einundvierzig Jahre und einiger journalistischer Meriten zumeist erst einmal als Sohn von Rudolf Augstein, dem „Spiegel“-Gründer, wahrgenommen, hofft, das nachhaltig zu verändern. Er will nicht nur etwas Neues wagen, sondern es so gut, solide und interessant machen, dass es Leser diesseits und jenseits der Elbe, auf Papier und im Internet zugleich erreicht.

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