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TV-Krimi „Kommissar Marthaler“ : Wenn Kunstliebhaber über Leichen gehen

  • -Aktualisiert am

Haben Sie ein Alibi? Haben Sie etwas mit meiner Freundin? Kommissar Marthaler (Matthias Koeberlin, rechts) hat den den verdächtigen Kunsthändler Ludwig Slama (Stipe Erceq) noch ein paar Fragen. Bild: © ZDF /Hans-Joachim Pfeiffer

Kommissar Marthaler ermittelt in einem Fall, in dem ihm seine eigene Freundin verdächtig vorkommt. Es geht um Kunst, Raub und Fälschungen. Nur die Stadt Frankfurt, die sieht in diesem Krimi echt gut aus.

          Und Action: Zwei Motorradfahrer verfolgen einen Transporter, beschießen den Fahrer, bis er auf einer Frankfurter Brücke zum Halten kommt, und sprengen die Hintertür des Fahrzeugs auf – großes Feuerwerk (Kamera Lars Liebold). Die Bilanz des Überfalls: ein toter Sicherheitsmann, zwei Schwerverletzte und ein Galerist ohne gekrümmtes Haar, der am nächsten Tag wieder abstrakte Gemälde aufhängen kann.

          Ludwig Slama (Stipe Erceg) wirkt auf Kommissar Marthaler (Matthias Koeberlin) höchst verdächtig, auch weil die Kunsthandlung einem Russen gehört. Das passt ins vom Genre gern bediente Frankfurt-Klischee. Russenmafia und Geldwäsche, skrupellose Gewalttäter – und ein auf dem Weg nach Prag geraubtes wertvolles Bild mit Engelsdarstellung von Paul Klee? Marthaler, meint sein Chef Herrmann (Peter Lerchbaumer), drehe durch und müsse die Ermittlung niederlegen, zumal ein Informant kurz vor dem Treffen mit ihm stirbt. Also auch noch Mordverdacht. Später kommen Amtsanmaßung und Hausfriedensbruch dazu. Fehlt noch eine Anzeige wegen Körperverletzung, und raus bist du.

          Was hatte die Frau des Kommissars mit dem Verdächtigen?

          In der vierten Verfilmung eines „Marthaler“-Romans von Jan Seghers (hinter dessen Autorenpseudonym sich der Journalist Matthias Altenburg schon lange nicht mehr verbirgt) ist die Zentralfigur nach wenigen Minuten kaltgestellt. Trotzdem hat keiner der vorherigen Filme den Kommissar so in den Mittelpunkt gezogen wie dieser, in dem sich Privates und Dienstliches auf für ihn bittere Weise verschränken. Eine der lebensgefährlich verletzten Personen ist die schwangere Lebensgefährtin des Kommissars (Ellenie Salvo González). Sie ist Kuratorin und hatte Slama aufgefordert, sie nach Prag zu begleiten. Da lief vermutlich etwas zwischen den beiden, finden Marthalers Kollegen (Julia Jentsch, Tim Seyfi, Jürgen Tonkel und Claudio Caiolo) bald heraus. Marthaler soll zu Hause sitzen und etwas trinken.

          Ist das Kunst oder kann das weg? Marthaler (Matthias Koeberlin, links) und seine Kollegin Kirsten Höpfner (Julia Jentsch) nehmen den Museumsdirektor Dr. Tauss (Husam Chadat) ins Verhör.

          Das Team aber steht wie ein Mann hinter ihm. Sonst ist es dazu verdammt, lediglich ausführende Organe der Geistesblitze und riskanten Pläne ihres Chefs zu sein. Selbst, als der Fall nur noch mit einem riskanten Bluff gelöst werden kann, versagen seine Kollegen Marthaler nicht die Unterstützung. Und auch später noch, als sich herausstellt, dass hier jemand Dreck am Stecken hat, von dem man es nicht vermuten sollte.

          Matthias Koeberlin, der Marthaler schon dreimal klare Konturen verliehen hat, bekommt in „Engel des Todes“ viel Raum, seine Rolle mit klassischer Kriminalarbeit, aber auch mit Verfolgungsjagden und Kombinationsspekulationen zu füllen. Immer wieder parkt er seinen alten Mercedes auf allen möglichen Frankfurter Brücken, so dass die Stadt wie eine von zahllosen Wasserläufen durchzogene Metropole wirkt. Es ist aber immer wieder nur der Main, der hier von verschiedenen Seiten angespielt wird.

          Die Adaption des Regisseurs Lancelot von Naso, der mit Kai-Uwe Hasenheit auch die Drehbuchadaption besorgte, geht überhaupt in stimmungsvoll-kaltfarbigen Nachtszenen und temporeicher Action auf. Es geht in diesem Fall, der als Roman noch „Die Akte Rosenherz“ hieß, um den Mord an einer Edelprostituierten (man denke an den Fall Rosemarie Nitribitt). Auf die richtige Spur führen Marthaler seine Inspiration und der Zufall. In der Nobelvilla des Geschäftsmanns Lichtenberg (Rüdiger Vogler) sucht der Kommissar nach Antworten. Gibt es nicht Kunstliebhaber, die über Leichen gehen?

          „Engel des Todes“ ist als Kriminalfall überschaubar, auch der fast obligatorische Schmierenjournalist (Andreas Hoppe) darf nicht fehlen. Der ansprechende Look des Krimis lässt ihn, selbst wenn Dramaturgie und Handlung schwächeln, mehr scheinen als er ist.

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