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DDR-Film „Zuckersand“ : In Australien sehen wir uns spätestens wieder

Bei den Jungen Pionieren herrscht Zucht und Ordnung. Da liegt die Suche nach einem Fluchtweg nah. Bild: BR

Sie kennen eine Abkürzung: Der Film „Zuckersand“ zeigt, wie zwei Zehnjährige gegen Demütigung und Angst in der DDR auf kindliche Art Widerstand leisten.

          Fred und Jonas sind unzertrennlich. Sie sind nicht nur beste Freunde, sie schließen Blutsbrüderschaft. Was sich mit einer stumpfen DDR-Klinge besonders schwierig gestaltet. Doch über Schwierigkeiten setzen sich die beiden Zehnjährigen hinweg, mit kindlicher Leichtigkeit und Vorstellungskraft, in der sie der alte Kaczmarek bestärkt. Fred schenkt er einen Bumerang, made in Australia. Da wollen die beiden zusammen schließlich hin, nach Australien. Und da sie nicht hinfliegen können, nehmen sie eine Abkürzung in den Blick. Einmal quer durch die Erde wollen sie sich buddeln. In einer verlassenen Fabrik, direkt an der innerdeutschen Grenze, graben sie ein tiefes Loch aus, Tag für Tag schaufeln sie den brandenburgischen Sand weg, der so fein ist, dass sie ihn hier „Zuckersand“ nennen. Für die Stasi sieht der Aushub selbstverständlich wie ein Fluchttunnel aus.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nicht die Flucht, wohl aber die Ausreise aus der DDR hat Jonas’ Mutter Olivia (Deborah Kaufmann) im Sinn. Sie erträgt die Unfreiheit nicht mehr. Ihren Mann hat der Staat, was nicht weiter ausgeführt wird, schon verschwinden lassen. Freds Eltern hingegen sind ein sozialistisches Musterpaar. Günther (Christian Friedel) arbeitet beim Zoll und ist stolz auf seine Uniform und die Privilegien, die seine Familie genießt. Michaela (Katharina Marie Schubert) bildet als Erzieherin den Nachwuchs für Staat und Partei heran. Von Jonas soll sich Fred fernhalten, befiehlt ihm der Vater, der in den vielen kleinen Wortduellen mit Nachbar Kaczmarek (Hermann Beyer) zwar den Klassenstandpunkt formulieren kann, aber auch in den Augen seines Filius nicht überzeugt.

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          Kaczmarek hat sich mit den Zwangsverhältnissen in der DDR zwar arrangiert, aber nicht aufgegeben. Während in der Schule die Kinder gedrillt und beim Sportunterricht vermessen werden, auf das die Besten auf die Kaderschule in Potsdam versetzt werden, stachelt Kaczmarek die Freiheitsliebe der Jungs an und sagt ihnen, wie sie reisen können: „Im Kopf geht das ganz bequem. Das Gute an so einer Kopfreise ist, du kommst wirklich hin, wo du hin willst. Im Kopf kann man überall hinreisen! Und wenn du auf den Mond willst, kein Problem. Stellst eine Leiter ran und rauf.“ Für Jonas und seine Mutter soll es dann aber von einem Tag auf den anderen in die Bundesrepublik gehen. Ihr Ausreiseantrag wurde bewilligt.

          Dass es mit der Reise zum Mond und dem Überwinden von Grenzen so einfach nicht geht, merken die beiden Jungs auf schmerzliche Weise in dem Film „Zuckersand“, bei dem Dirk Kummer Regie geführt und zu dem er gemeinsam mit Bert Koß das Drehbuch geschrieben hat. Sechzehn Jahre lang hat Kummer die Geschichte mit sich herumgetragen, in der er auch seine eigene Jugend verarbeitet. Sechzehn Jahre – so lange hat es gedauert, bis die Zeit reif war, im Fernsehen von der DDR nicht in einem großen Melodram oder überspitzt, sondern in poetischen Bildern (Kamera Christian Marohl), mit trockenem, bitterem Dialogwitz und aus einer Kinderperspektive zu erzählen, die das Unterdrückerische des Regimes auf besondere Weise hervorkehrt.

          Ihn mache es glücklich, sagte der Regisseur Dirk Kummer in einem Interview mit der katholischen „Tagespost“, „dass man jetzt auch besser verstehen kann, was die DDR war, dass die DDR ein Staat der Demütigung der kleinen Leute war – nicht nur, wenn man sich politisch engagierte. Man hat jedem das Leben schwergemacht, der anders gedacht hat. Die DDR hat mit Angst funktioniert.“ Wie diese Angst genährt und geschürt wurde, arbeitet Kummer in „Zuckersand“ so leicht, ganz und gar nicht naiv, aber auch ohne jede Belehrung heraus, wie die Kinderdarsteller Tilman Döbler als Fred und Valentin Wessely als Jonas aufspielen. Die beiden sind phänomenal, sie sind ihren erwachsenen Mitspielern in jeder Szene ebenbürtig und tragen die dramatische und traurige Wende der Geschichte, die im Jahr 1979 spielt.

          In zehn Jahren, sagt Fred, der ob seines Lauftalents an der Kaderschule angenommen wird und ein zweiter Emil Zátopek werden soll, reise er um die Welt und gewinne zum vierzigsten Jahrestag der DDR internationale Wettkämpfe. Und Jonas werde er auch wiedersehen, schließlich seien die Freunde so miteinander verbunden wie die Aborigines in Australien – per Telepathie. Das funktioniere immer und überall, wenn man daran glaube, sagt Kaczmarek. Und manchmal versetzt der Glaube bekanntlich Berge.

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