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Tragikomödie bei Arte : Im Weltall hört dich keiner reden

  • -Aktualisiert am

Ihn schickt der Himmel: Frau Hamida (Tassadit Mandi) nimmt den Astronauten John McKenzie (Michael Pitt) bei sich auf. Bild: © La Camera Deluxe

Bildpoesie mit Stummfilmcharakter: In dem Arte-Film „Wir sind alle Astronauten“ finden Menschen ganz ohne Worte zueinander. Das ist bezaubernd und manchmal zum Brüllen komisch.

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          Das Weltall, unendliche Weiten und niemand weit und breit. Die antiken Griechen stellten sich die Sterne am nächtlichen Firmament als Löcher vor, durch die die Götter das menschliche Treiben auf der Erde beobachteten. Ein tröstlicher uralter Gedanke, auch nach dem Ende der spekulativen Metaphysik, so sieht es der Astronaut im Raumanzug, der bei der allein lebenden Madame Hamida (Tassadit Mandi) zwischen Familienfotos und defektem Kühlschrank sitzt und wartet. Derweil erklärt er ihr, dass die Dunkelheit bloß wie ein grobstofflicher Vorhang vor dem gleißenden Licht der Götterwelt hängt, in das die in ihrem Orbit gefangenen Monaden durch die Sternenlöcher zurückschauen können.

          John McKenzie (Michael Pitt), dessen Raumkapsel durch einen Überwachungsfehler der Nasa unplanmäßig auf dem Dach des Mietshochhauses in einer gotterbärmlichen französischen Banlieue gelandet ist, wartet auf Rettung aus Amerika wie andere auf Godot. Der direkte Telefondraht zu seinen Vorgesetzten spielt in der Warteschleife immerzu „An der schönen blauen Donau“ – ein Witz auf Kosten Stanley Kubricks Science-Fiction-Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Erst in zwei Tagen werde Hilfe kommen, alles muss geheim bleiben, ein Auffliegen würde das Ende der Finanzierung der Mission bedeuten, lautet die Warnung.

          Also schauen Madame Hamida, besser arabisch als französisch sprechend, und der Mann vom Himmel im Fernsehen amerikanische Seifenopern und verständigen sich durch Gesten und mit Worterkundungen. Zwischen der algerischen Dame, deren erwachsener Sohn im Gefängnis sitzt, und dem Raumfahrer gibt es keine gemeinsame Sprache, die einander trennen könnte. So werfen sie sich über die Sprachbarriere hinweg die Dinge gleichsam zu. Und erleben unerwartet eine Sternstunde der Verbindung.

          Was sie noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette: Gustave Kervern und Valeria Bruni Tedeschi in „Wir sind alle Astronauten“.

          Regisseur und Autor Samuel Benchetrit ist gelernter Fotograf, und das sieht man den Bildern seines Arte-Films „Wir sind alle Astronauten“ (Originaltitel: „L’Asphalte“), besonders den sorgfältig auf ihre Stilllebenwirkung hin cadrierten Einstellungen an (Kamera Pierre Aim). Der Film erzählt eine absurd-zärtliche Episodengeschichte dreier unwahrscheinlicher Paare, zwei Mutter-Sohn-Geschichten und eine Mann-Frau-Erzählung, in trist poetischen Bildern, die zu Beginn der dreifachen Annäherungen Stummfilmcharakter haben und sich erst langsam durch Dialoge beleben.

          Nach einer bemerkenswerten Mieterversammlung fängt der Film gleichsam ein zweites Mal an. Jede der Hauptfiguren lebt in ihrer Wohnung wie auf einem eigenen Planeten, bis auf die Krankenschwester (Valeria Bruni Tedeschi), die der nach einem Unfall an den Rollstuhl gebundene Eigenbrötler Sterkowitz (Gustave Kervern) bei einer Rauchpause am Rand der Nachtschicht trifft, als er nach Supermarktschluss in der Klinik Automatensnacks zieht. Jeanne Meyer (Isabelle Huppert), war in den Achtzigern eine bekannte Arthousefilm-Schauspielerin und lebt nun, nicht mehr angeschaut, zwischen unausgepackten Kisten. Mit ihrem jungen Nachbarn Charly (Benchetrits Sohn Jules) schaut sie nach einer zufälligen Begegnung alte Schwarzweißfilme von sich selbst, bevor er sie mit der Videokamera für ein Vorsprechen aufnimmt.

          Wie alle sechs nach und nach ihren Sicherheitsabstand aufgeben und aus Vereinzelten Berührte werden, dem folgt „Wir sind alle Astronauten“ durch seine Montage und den Schnitt (Thomas Fernandez) – in Sprüngen, Bildabrissen, langen Einzeleinstellungen, Schuss und Gegenschuss, oder Szenen, in denen Menschen aus dem Rahmen laufen. Filmapparate, Fotogeräte, Polaroidfotoaufnahmen und der Fernseher als angestarrtes Fenster zur Welt der (Soap-)Gefühle spielen eine große Rolle in dieser untergründigen, vorsichtigen Reflexion über das Sehen und Gesehenwerden, das ein Übermaß an ästhetischer Absicht oft durch brüllkomische Einfälle durchkreuzt. Der Film basiert auf Benchetrits autobiographischer Romanreihe „Les chroniques de l’asphalte“ (ab 2005). Schöner und wahrer kann man der Verlorenheit in französischen Vorort-Brennpunktsiedlungen kaum filmisch Paroli bieten.

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