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„Wann endlich küsst du mich?“ : Schlachtfeld des Glücks

  • -Aktualisiert am

Sorgenvoll: Doris (Olivia Grigolli) und Thomas (Alex Brendemühl). Bild: © SWR/U5 Filmproduktion

Spiegelfechten für Fortgeschrittene: Der Film „Wann endlich küsst du mich?“ zeigt verlorene Großstädter im Prioritätenschlamassel. Das ist ebenso witzig wie lehrreich.

          Hat jede Mutter die Kinder, die sie verdient? Bei Doris Rosemeyer (Olivia Grigolli) meint man: ja. Denn was sie gegenüber ihrer älteren Tochter Mascha (Marie Rosa Tietjen) an Zuneigung und gegenüber der jüngeren Viola (Luise von Finckh) an Verständnis hat fehlen lassen, bekommt sie nun zurück. Mascha sumpft als unmotivierte Studentin vor sich hin und liegt Mutter auf der Tasche. Viola, die meiste Zeit postpubertär aufsässig („Ich hasse dich“), will nur noch weg. Vom großen Durchbruch träumend, möchte sie eine Londoner Schauspielschule besuchen, statt brav in Stuttgart Abitur zu machen. Ganz unerwartet kann auch das für Doris nicht kommen, denn Schauspielerin ist sie selbst, nur bislang keine sonderlich prominente. Jetzt allerdings winkt endlich eine Serienhauptrolle, nicht zuletzt wohl, weil ihr Freund Thomas (Alex Brendemühl) deren Autor ist.

          Noch während die Exposition dieser halbfunktionalen, knuffig chaotischen Familie andauert, erfahren wir, dass sowohl Viola als auch ihre Mutter unerwartet schwanger sind. Sie reagieren entgegengesetzt, wie ihre männlichen Gegenparts: Während Doris ihre Rolle vorschiebt, um das Kind trotz Thomas’ Begeisterung nicht bekommen zu müssen, muss sich die aufgeschlossene Viola mit den Bedenken ihres luschigen Freunds Jo (Dennis Mojen) herumärgern. Und so steht einiges an familiären Aussprachen ins Haus, bei denen auch Großmutter Uschi (Marlen Diekhoff), die Ersatzmutter der Töchter und (wie Thomas) mit einer Wir-schaffen-das-Haltung gesegnet, mitmischt. Leider macht alles den Eindruck, als würde ein nur halbernst gemeintes Gerangel unter schweren Wolldecken ausgetragen. Auch Maschas drolliger Liebeskummer – Freund kontra Masterarbeit – wirkt wenig operettentauglich.

          Der Film ist so unentschieden, dass nicht einmal klar wird, ob er Drama oder Komödie (oder beides) sein will. Wirklich lustig ist eigentlich nichts, obwohl die Dramaturgie das ständig suggeriert – durch bonbonbunte Farben, gepfiffene Hopsmusik und Flapsigkeiten wie Kleid und Vorhang aus demselben Stoff. Der einzig gelungene Witz besteht darin, dass Doris, die noch glaubt, ihre Tochter habe nur einen Magen-Darm-Virus, den zu Besuch kommenden Jo mit den diesen bestürzenden Worten empfängt: „Von dir hat sie es ja scheinbar nicht.“ Für ein Drama, selbst ein romantisches, fehlt wiederum die Fallhöhe: In einer so liberalen Künstlerfamilie brauchte es wohl etwas mehr Lebensbruch als zwei Schwangerschaften, die Mutter und Tochter lediglich in einen vergleichbaren Prioritätenschlamassel stürzen.

          Als wüssten die Figuren um diese Plot-Blässe, lassen sie sich zu großen Emotionen gar nicht erst hinreißen. Sie wirken genervt und gelangweilt; sogar in tragischsten Momenten nur hohle Blicke in die Ferne. Angeödet scheinen die Beteiligten auch von der nicht allzu vielversprechenden Serie zu sein, die in den gezeigten Szenen ganz zufällig die Familienkonflikte spiegelt. Allmählich merkt man, dass der Film von Julia Ziesche (Buch und Regie) im Kern tatsächlich auf diesen alles infizierenden Ennui abzielt und damit doch um einiges trauriger ist, als es lange den Eindruck macht.

          Die Verlorenheit der Figuren ist enorm. Familie wird von ihnen nur noch gespielt wie eine Rolle in einer flachen Vorabend-Soap; sämtliche Bindungen sind unverbindlich. Wenn man aufeinandertrifft, saugt man sich gegenseitig nur die Energie ab. Worauf sich alle emotional einigen können, ist bloß die Sehnsucht nach Liebe ohne Leiden (der Udo-Jürgens-Klassiker begegnet mehrfach). Auch die Lebensziele dieser sich ambitionslos durchwurschtelnden Großstädter wirken bedrückend klein. Weder weltgewandte Urbanität noch der Glamour des Künstlerlebens entschädigen für das Preisgeben kleinbürgerlicher Familienwerte. Was bleibt, ist Leere. Eine Leere, die nicht einmal weh tut. Die sich aussitzen lässt. Wenn man durch halbgeschlossene Lider blinzelt, sieht es sogar ab und an nach Glück aus. Was wir vor uns haben: den uns allen gut bekannten Alltag, den ungeküssten, froschigen, aus dem wir mit einem Fernsehfilm gern in prinzenhafte Welten fliehen. Damit zu locken und uns dann frech einen Spiegel vorzuhalten ist der dann doch nicht ganz uninteressante Ansatz dieses Films.

          Wann endlich küsst du mich?, heute, Freitag 15. März, um 20.15 Uhr bei Arte.

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