https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/der-film-ueber-mir-der-himmel-bei-apple-tv-17794973.html

„Über mir der Himmel" bei Apple TV : Küsse im Garten Eden

  • -Aktualisiert am

Lauschen der Liebe: Lennie (Grace Kaufman)und Joe (Jacques Colimon) Bild: Apple TV

So gut ist lange kein Teenagerfilm gelungen: „Über mir der Himmel“ erzählt poetisch übermütig die Geschichte einer jungen Heldin, die einen schweren Verlust verkraften muss.

          4 Min.

          Wann sind Teenagerfilme denn so gut geworden? Früher reichte es, ein paar kesse Halbwüchsige in lausige Highschool-Abenteuer zu verwickeln, wobei alle Gefühle immer zwei, drei Nummern zu groß wirkten, was der ganzen Chose eine eigene Komik verlieh. Kamen noch coole Sprüche und lässige Musik hinzu, war der „Kultfilm“-Status nicht weit, eine Art Universalamnestie für die flapsigsten Coming-of-age-Klamotten, die einem Alter angemessen schienen, in dem die Pubertät aus eben noch knuffigen Kindern brodelnde Hormonvulkane macht. „Teenage Angst“ war aus dieser Welt verbannt.

          Wie verspielt und lyrisch, bezaubernd überdreht und doch sensibel sich die Kollision der ganz großen Emotionen im Leben junger Menschen inszenieren lässt, zeigt nun Josephine Decker mit ihrem Regiestreich „Über mir der Himmel“ auf Apple TV+. Decker trat zuletzt mit den vor Kreativität sprühenden Produktionen „Madeline’s Madeline“ (2018) und „Shirley“ (2020) hervor, ersteres ein experimentelles Drama über eine einsame Teenagerin, die im Theaterspiel auf- und untergeht, zweiteres die Verfilmung eines Romans über die auf Spukgeschichten spezialisierte Schriftstellerin Shirley Jackson. „Über mir der Himmel“ liegt ebenfalls ein Roman zugrunde, dessen Autorin, Jandy Nelson, zugleich das Drehbuch verfasst hat. Inhaltlich handelt es sich wiederum um ein Teenage-Drama, eines jedoch, das bei aller Tragik die Phantasie und Hoffnung der Jugend feiert.

          Die Handlung ist so einfach, dass sie in wenige Zeilen passt, und das spricht keineswegs gegen den Film. Die siebzehnjährige, elternlose Lennie Walker (Grace Kaufman), musikalisch hochbegabt, hat ihre geliebte, seelenverwandte, herzkranke Schwester verloren. Über die Trauer hilft ihr weder der Zuspruch der Familie noch die Musik (allein) hinweg; erst das Aufblühen eines ebenso gewaltigen Gefühls, der ersten großen Liebe in all ihrem Überschwang, bringt sie dazu, mit dem Verlust leben zu können. Für einige Gefühlseskapaden von Verwirrung über Schuldgefühle bis zur Eifersucht sorgt die parallele Annäherung Lennies an den trauernden Freund ihrer Schwester (Pico Alexander), zwei sich aneinanderklammernde Versinkende. Dass der Film trotz des überschaubaren Plots psychologisch erstaunlich stimmig ist und tief in die verschiedenen Phasen der Trauerarbeit einsteigt, liegt nicht zuletzt an der überragenden Darstellerin Grace Kaufman, der man die Verlorenheit ebenso abnimmt wie Wut, Hoffnung, Augenblicksglück und Enttäuschung angesichts der vielen Rückschläge.

          Musik als intimes Initiationserlebnis

          Erste Liebe, so zeigt es der Film schön, muss sich nicht immer über verstohlene Küsse (die es hier auch gibt) anbahnen. Gemeinsam mit dem hübschen jungen Musiker Joe Fontaine (Jacques Colimon), den Johann Sebastian Bach bereits über eine frühere Enttäuschung hinweggetröstet hat, hört die Trauernde im Gras liegend „Air on the G String“, diese vielleicht berühmteste Barockmelodie überhaupt (eigentlich nur ein Satz aus Bachs Orchestersuite Nr. 3), die aber nichts von ihrer Magie verloren hat. Auch Lennie ist es, als erkenne diese Wundermusik sie tief im Inneren. All ihr Sehnen nimmt die Komposition auf, um es in blühende Schönheit und jubelnde Liebe zu verwandeln, was bildlich Ausdruck findet in einer beglückenden, barocken Vision vom tanzenden Rosengarten. Über den beiden, gemeinsam angestöpselt an Lennies Handy, nur der weite, freie Himmel: Bach schlägt Richard Sandersons „Reality“, das in „La Boum“ ähnlich direkt über Kopfhörer in eine Teenagerseele hineinfloss. Umschmeichelt von der Musik finden die Entrückten also ins Paradies zurück, ein intimes Initiationserlebnis. „Hatten wir gerade Sex?“, fragt der verstörte Joe.

          Weitere Themen

          Der Bruder, der die Flucht überlebte

          Hans-Ulrich Treichel 70 : Der Bruder, der die Flucht überlebte

          Über Leib, Seele und Verlorene: Hans-Ulrich Treichel wurde mit seinem Roman „Der Verlorene“ über seinen 1945 in den Kriegswirren verschwundenen Bruder bekannt. Nun wird der Schriftsteller und Literaturlehrer siebzig Jahre alt.

          Vergesst den Lippenstift nicht!

          Serie „A League Of Their Own“ : Vergesst den Lippenstift nicht!

          Vor dreißig Jahren erzählte der Kinofilm „A League Of Their Own“ mit Tom Hanks, Madonna und Geena Davis von einer Baseball-Liga für Frauen. Ein Remake in Serienform leuchtet nun blinde Flecken der Vorlage aus.

          Topmeldungen

          Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck

          Robert Habeck : Nur noch 19 Grad in öffentlichen Gebäuden

          Um Energie zu sparen, soll die Temperatur in öffentlichen Einrichtungen gedeckelt und Denkmäler sollen nachts nicht mehr angestrahlt werden. Der Bundeswirtschaftsminister will nun entsprechende Verordnungen auf den Weg bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.