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„Sterne über uns“ auf Arte : In welche Welt passt dieses Leben?

  • -Aktualisiert am

Ein Abenteuer? Für Ben (Claudio Magno) ist das Leben im Wald aufregend. Bild: ZDF

Ein Kleines Filmwunder: „Sterne über uns“, das herausragende Debüt von Christina Ebelt, porträtiert eine alleinerziehende Mutter, ohne sich als gefälliges Sozialdrama anzubiedern.

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          Sommerliche Stimmung am Stadtrand. Das Gras steht hoch, wilde Petersilie schießt ins Kraut, nebenan ein Maisfeld, als möglicher Irrgarten wie gemacht für Kinderspiele. Oder nächtliche Laserschwertduelle gegen einen unbekannten „Star Wars“-Bösewicht. Zwar ist es anfangs heller; auf einem schmalen Hügelpfad kämpfen sich eine Frau und ein Kind voran, offenbar in Eile. Ein Gewerbegebiet kommt in Sicht. Doch trotz des flirrenden Lichts ist der Eindruck unwirtlich. Das Bild irritiert. Die Frau trägt einen engen Bleistiftrock und weiße Bluse. Ein adrett geknotetes Halstuch kommt hinzu und ein bunter Rollkoffer. Melli Schneider (großartig: Franziska Hartmann) in der Uniform ihrer Fluggesellschaft. An ihrer Seite der neunjährige Sohn Ben (famos: Claudio Magno). Sie müssen zur Schule und zur Arbeit. Sie sind spät dran, es geht ihnen, wie es vielen Familien geht.

          Dass Melli in der S-Bahn-Station ihre Haare wäscht und ihr Sohn Zähne putzt, wirkt zwar für beide routiniert, für den Zuschauer aber beklemmend. S-Bahn-Fahrt, eine von vielen, die folgen. Die Kamera erweitert die räumliche Orientierung (Bildgestaltung Bernhard Keller). Erst jetzt kann man sicher sein, sich durch Köln zu bewegen. Gleich ein Businessmeetingraum, wie es sie überall auf der Welt gibt. Darin eine feierliche Urkundenverleihung. Melli Schneider hat die Flugbegleiterinnen-Ausbildung als Kursbeste abgeschlossen. Ihre Probezeit beginnt. Flexibilität ist Voraussetzung für die Festanstellung, um die sie mit den Kollegen konkurriert. Es ist eine Arbeitswelt der Austauschbarkeit der Person. Handgriffe, Mimik, Körpersprache sind formalisiert. Melli Schneider bekommt in Selbstbeherrschung summa cum laude.

          In die Notunterkunft will sie nicht

          Obwohl sie, alleinerziehende Mutter, die statt Schimmelsanierung ihrer vier Wände die fristlose Kündigung bekam und einen Schufa-Eintrag wegen Mietsrückstands, obdachlos ist. Eine Pennerin, wie manche sagen würden. Mit Ben campt sie im Wald, versucht ihm die Zeit als Abenteuerurlaub lustig zu machen. Baut einen Wall gegen Wildschweine, planscht lachend im Bach. Wie verlängerte Ferien. In die Notunterkunft, die die Frau vom Amt vorschlägt, zu „Junkies und Irren“, will sie nicht noch einmal. Die Sozialwohnungswarteliste ist lang. Melli kämpft, argumentiert, lässt sich nicht abwimmeln, ruft Freunde an, bettelt bei Bens Tagesmutter Anita (Marita Breuer) und wahrt nach außen den Schein. Ab und an kann Ben beim neuen Freund Max (Leon Kamps) und seiner Mutter Kerstin (Demet Fey) schlafen. Bens Lehrer Martin Lauenstein (Kai Ivo Baulitz) ist verständnisvoll, wenn das Kind übermüdet den Kopf auf den Tisch legt und bietet Melli Unterstützung an. Einen neuen Mietvertrag hat er nicht.

          Als sich ihr Flug verspätet und Ben allein im dunklen Wald verlorengeht, schaltet sie Frau Gerster (Nicole Johannhanwahr) vom Jugendamt ein. Als ihr Kind im Auto zur Pflegefamilie gefahren wird, bricht sie, schreiend wie ein waidwundes Tier, auf der Straße zusammen. Es ist nicht die letzte Szene, nicht das letzte Wort dieses Films.

          „Sterne über uns“, das erstaunliche, herausragende Debüt von Christina Ebelt (Buch und Regie, Ko-Autorin Franziska Krentzien), ist vieles zugleich und manches nicht. Es ist zum Beispiel kein gefälliges Sozialdrama. Es ist kein geschwätziger Themenfilm, der dem Publikum prekäre Existenz von Alleinerziehenden und Mangel an verfüg- und bezahlbarem Wohnraum zu erklären sucht. Überhaupt erklärt er nicht. Er zeigt, indem er verschweigt, erzählt in Bildern und Szenen, die fast gleichgewichtig dokumentarisch und poetisch lesbar sind. Er umfasst Einzelgeschehnisse und Zeitabläufe einer sozialen Transition im Mittelstand der Gesellschaft. Seine kluge Dramaturgie hat dabei filmästhetisch eine lange Lunte, an deren Ende der Zündstoff umso wirkungsvoller explodiert. Melli verliert erst ihre Wohnung, belastbare Beziehungen entpuppen sich als Schimären, Wohnungsbesichtigungen – Frau mit Kind, Umschulerin, Schufa-Eintrag – geraten zum Desaster. Sie reißt sich zusammen, Contenance, weiter, immer weiter.

          Man kann diesen Film auch als Komplementierung von Nora Fingscheidts überraschendem Publikumserfolg „Systemsprenger“ sehen, der es im vergangenen Jahr vom Silbernen Bären fast zu einer Oscar-Nominierung gebracht hat. Christina Ebelt und ihr Bildgestalter Bernhard Keller, der Schnitt von Florian Riegel und nicht zuletzt die Musik von Jakob Ilja erzählen nicht wie bei Fingscheidt expressiv vom etwa gleichaltrigen Kind – dem Mädchen Benni (Helena Zengel) –, an dem alle Maßnahmen scheitern, sondern innig von Mutter Melli und Sohn Ben. Auch „Sterne über uns“ ist ein Filmwunder, das gleichzeitig mit dem Kampf Mellis um Überleben und Würde eine ergreifende Mutter-Sohn-Liebesgeschichte ohne einen einzigen falschen Ton erscheinen lässt.

          Sterne über uns läuft heute, Freitag, 17. Januar, um 20.15 Uhr bei Arte.

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