https://www.faz.net/-gqz-9r14l

Film über Computerspielsucht : Auf nach Avalonia

  • -Aktualisiert am

In der Spielwelt: Jennifer Reitwein (Emma Bading) sieht nur noch mit VR-Brille. Bild: BR/ARD Degeto/Sappralot Producti

Ein siebzehnjähriges Mädchen verfällt dem Computerspiel: Der ARD-Film „Play“ drückt aus, wovor sich Eltern fürchten. Ist das überzeugend?

          2 Min.

          Jennifer ist dann mal weg: verschwunden in einer weitläufigen Gebirgslandschaft mit steilen Felsen, sattem Gras und rauschendem Fluss. Sie hat sich in Sindruin verwandelt, eine Kämpferin mit spitzen Elbenlauschern und schmuckem Gewand, streift zu erhabener Musik und dem Ruf eines Adlers durch das Gelände. Und Sindruins Fähigkeit, sich in dieser Umgebung mit Messer und Bogen gegen Orks und Drachen zu behaupten, wird Tag für Tag besser.

          Wenn man Jennifer machen lässt. Die siebzehnjährige Schülerin, die nur lächelt, wenn sie per Virtual-Reality-Brille nach „Avalonia“ flieht, darf den Rechner zu ihrem Entsetzen nicht ständig einschalten. Ihre Eltern fürchten, dass sie beim Schattenboxen mit Maske den Sinn fürs Reale verliert, und diese Furcht ist, wie der dunkel gehaltene, nur in Gaming-Szenen kunterbunt gestaltete Problemfilm „Play“ zeigt, begründet. Das von Hamid Baroua und Regisseur Philip Koch geschriebene Drama malt sich neunzig Minuten lang aus, wie eine junge Frau in die Spielsucht abstürzt.

          Die von der Spiel- als Gegenwelt zum tristen Alltag faszinierte Schülerin, gespielt von der Emma Bading (die zum Overacting neigt, aber das ist bestellt) vernachlässigt die Schule. Sie starrt wie verrückt in die Gegend, wenn sie die VR-Brille nicht einschalten darf. Baumkronen wehen in Zeitlupe, Regentropfen rutschen übers Fensterglas (Kamera: Alexander Fischerkoesen).

          Alle Versuche der Eltern, den Spielkonsum der Tochter in den Griff zu bekommen, kann das Mädchen aushebeln. Weder der kumpelhafte Ton des Vaters (Oliver Masucci) noch die Cholerik der Mutter (Victoria Mayer) dringen zu ihr durch. Sie beginnt, Stimmen zu hören und Figuren zu sehen. Die Augen: wie ein Junkie gerötet. Die Haare: schweißnass. Erst nach einem Unglück, das zu Beginn durch die Überreichung eines Dolches in der Fantasiewelt angedeutet wird, gelangt Jennifer dorthin, wo sie längst sein musste: in einer Klinik.

          Ist das übertrieben? Nein, ist es nicht. Ein Prozent der Vierzehn- bis Vierundsechzigjährigen ist laut einer Studie, die im Begleitmaterial zur Sendung zitiert wird, computerspielsüchtig, vier Prozent der Vierzehn- bis Sechzehnjährigen sollen es sein, „mit steigender Tendenz“. „Play“ nimmt sich eines Themas an, das man nicht unterschätzen darf und das viele Eltern bewegt.

          Allerdings läuft der mit allerlei Bild-, Ton- und Digitaleffekten inszenierte Film, ohne es zu wollen, auf Angstmache hinaus: Dass sich Millionen von Gamern in Videospielen verlieren, ohne irgendwann eine Psychose zu entwickeln, darunter viele Erwachsene, gerät aus dem Blick. Nicht ganz: Als Gegenmodell zu Jennifer dient der schlaksige Pierre (Jonas Hämmerle), ein Mitschüler, der wie sie „Avalonia“ spielt und trotzdem in der Lage ist, sich aufs Abitur vorzubereiten. Als die beiden, die im virtuellen Raum erstmals miteinander kommunizieren, sich zum Date verabreden, fragt er Jennifer nach ihrem Lieblingsfilm. Sie interessiere sich nicht für Filme, sagt sie und entsetzt Pierre, dessen Leben nicht nur aus Spielen besteht. Aber was Pierre so treibt, fällt zwischen all den heftigen Szenen kaum ins Gewicht. Und die Furcht, dass Videospiele die Jugend ins Unglück stürzen könnten, sitzt in der Gesellschaft tief.

          Gelungen ist das von den Autoren gezeichnete Psychogramm, das Jennifers Anfälligkeit die Computerspielsucht erklärt: Die schüchterne Jennifer ist mit ihrem Körper unglücklich. Sie ist einsam, seit ihre Eltern, der Karriere des Vaters wegen, von Wuppertal nach München gezogen sind. In ihrem Unglücklichsein würde sie am liebsten wie früher zwischen den Eltern im Bett übernachten. Kurzum: Sie bräuchte mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung, als ihr Mutter und Vater zu geben vermögen. Aber nur einmal, als der Vater heimlich die VR-Kamera überstreift, um das Interesse der Tochter an der Fantasiewelt nachvollziehen zu können, sind die Eltern zur Abwehr der Katastrophe vielleicht auf dem richtigen Weg. Oder nicht? Das kann man nach diesem Film gut diskutieren.

          Play, 20.15 Uhr im Ersten. In der Mediathek findet sich eine Diskussionsrunde zum Film.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.