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Perfekte TV-Fälschung : Das Ende der DDR war ganz anders, schauen Sie selbst!

Eine Frau fragt nach: Die Journalistin Merle Weber (Katharina Hackhausen) ist einer Riesenstory auf der Spur. Glaubt sie. Und wir glauben es mit ihr. Bild: HR/Niki Stein

Was wäre, wenn die deutsche Einheit nicht so zustande kam, wie wir dachten? Der Film „Öl – Die Wahrheit über den Untergang der DDR“ spielt eine tolle Idee durch. Wir sehen eine großartige Enthüllungsdokumentation, die keine ist.

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          Die Reporterin drängt sich gleich ins Bild. Sie nimmt sich wichtig, und sie hat uns Wichtiges zu sagen. „Mein Name ist Merle Weber“, beginnt sie. Gleich werde sie hier, irgendwo im Odenwald, einen Informanten treffen, der beim BND war und bei der Stasi und der ihr eine Geschichte erzähle, die „unser Land erschüttern und mich auf einen Schlag berühmt machen würde“. Es ist die Geschichte von Haiko R. und von den echten Hintergründen der deutschen Einheit. Es geht darum, dass die DDR hätte fortbestehen können und „dass siebzehn Millionen DDR-Bürger um ihren Wohlstand betrogen wurden“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Warum? Das deutet der Titel des Films von Niki Stein ziemlich deutlich an: „Öl – Die Wahrheit über den Untergang der DDR“. Der Film sieht von der ersten bis zur letzten Szene aus wie eine erstklassige Enthüllungsdokumentation, ist allerdings von A bis Z erfunden. Doch verhandelt Niki Stein seinen Gegenstand so täuschend echt, dass man die perfekte Fälschung für die reine Wahrheit halten könnte, wüsste man nicht um die Prämisse.

          Denn könnte es nicht sein, dass in der Ostsee vor der DDR-Küste Öl gefunden wurde? Dass die Sowjets, die Stasi und der BND davon wussten? Könnte es nicht sein, dass jetzt eine dubiose Firma den Ölfund heben will? Dass ein russischer Oligarch die Fäden zieht? Könnte es gar sein, dass sich das SED-Regime hätte retten können? Und die berühmte Pressekonferenz des Politbüromitglieds Günter Schabowski am 9.November 1989 zur „sofort, unverzüglich“ geltenden Reisefreiheit für DDR-Bürger ganz anders zustande kam, als wir bislang dachten? Es könnte jedenfalls sein, dass diese Geschichte für die Reporterin Merle Weber, die alles im Griff zu haben glaubt, noch sehr gefährlich wird. Was hat ihr Kronzeuge Haiko R., dem sie hinterherrennt, eigentlich vor?

          Fernsehtrailer : „Öl – Die Wahrheit über den Untergang der DDR“

          Von dem Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein haben wir zuletzt so unterschiedliche Stücke gesehen wie „Rommel“, etliche „Tatorte“, das Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt“ oder die Komödie „Elternabend“ und werden demnächst bei RTL besichtigen können, wie er die geplante „Hitler“-Serie bewältigt. Hier nun spielt er mit allen Beigaben, die es für eine zeithistorische Enthüllung braucht. Mit Archivmaterial, Zeitzeugeninterviews, Experten (die früheren Korrespondenten Horst Hano von der ARD und Peter Brinkmann von der „Bild“ treten auf), versteckter Kamera, dubiosen Figuren bei den Dreharbeiten und mittendrin der von Katharina Hackhausen gespielten rasenden Reporterin Merle Becker und deren stets nur unter konspirativen Umständen zu treffendem Kronzeugen Haiko R. (Jörg Pose) schafft Niki Stein die perfekte Illusion. Er inszeniert haarklein bis ins letzte Stilmittel eine Räuberpistole, die uns zeigt, wie schnell wir etwas für wahr halten können, wenn es nur wahrscheinlich genug erscheint.

          Bürgerprotest: Die neuerlichen Öl-Bohrungen kommen nicht bei allen gut an.
          Bürgerprotest: Die neuerlichen Öl-Bohrungen kommen nicht bei allen gut an. : Bild: HR/Niki Stein

          Weil er so gut gemacht ist, bereitet der Film großes Vergnügen. Das gelingt, weil alle Gewerke scheinbar mühelos ineinandergreifen: die Schauspieler, Ulrich Tukur als Erzähler, Kamera (Armin Alker), Ton (Katja Schenk), Szenenbild (Anette Reuther), Schnitt (Silke Franken), Redaktion (Liane Jessen und Inge Fleckenstein) und noch einige mehr, die man aufzählen könnte. Ohne sie könnte die Idee, so überzeugend wie möglich zu tun, als ob, schnell lächerlich wirken.

          Dass die „Mockumentary“, also Persiflage einer journalistischen Arbeit, heute am späten Abend auf dem Dokumentarsendeplatz im Ersten läuft, erscheint solchermaßen folgerichtig, ist aber trotzdem schade. Wenn schon, denn schon: Wenn jemand wie Niki Stein seine Vielseitigkeit zeigt und wenn die Fernsehspielredaktion des Hessischen Rundfunks ihre Experimentierlust beweist, dann doch bitte zur besten Sendezeit (allerdings nicht, wenn im ZDF gerade Champions League läuft).

          Und was ist nun mit dem 9. November 1989? An dem Tag fiel die Mauer. An dem Tag endete die DDR. An dem Tag aber schrieben Haiko R. und ein weiterer Geheimagent Geschichte. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich doch bitte einmal diesen Film an.

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