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Sat.1-Film „Lautlose Tropfen“ : Perfides Verbrechen auf der Party

Sie wacht auf und kann sich an nichts erinnern: Stefanie Stappenbeck spielt die Lehrerin Franziska Wellmer. Bild: Sat.1

Auf einer Party wird eine Frau unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Das Opfer kann sich an nichts erinnern, der Täter fühlt sich sicher. Der Sat.1-Film „Lautlose Tropfen“ greift ein virulentes Thema auf.

          Die Musik wummert, buntes Licht pulsiert, die Enddreißiger tanzen zu „Bailando“, als hätten sie seit zehn Jahren keine Disko mehr von innen gesehen. Mittendrin: Franziska Wellmer (Stefanie Stappenbeck), Lehrerin, Mutter einer Teenagertochter, glücklich verheiratet. Sie feiert mit ihren ehemaligen Schulkameraden auf einem Abitreffen in einem Landhotel und in ist bester Laune.

          Ihre ausgelassene Stimmung hält jedoch nicht lange vor. Sie schlägt ins Gegenteil um. Am nächsten Morgen wacht Franziska nackt in ihrem verwüsteten Hotelzimmer auf. Sie hat Schmerzen im Unterleib und keine Erinnerung an die vergangene Nacht. Schnell wird ihr klar, dass sie betäubt und vergewaltigt wurde. Sie beschließt, ihren Peiniger zu finden und zu überführen.

          K.o.-Tropfen sind das Thema des Films des Regisseurs Holger Haase. Im obligatorischen Lehrdialog zwischen Franziska und ihrer Freundin Suse (Mira Bartuschek) wird erklärt, wie leicht man an die Substanz herankommt. Das Lösungsmittel GBL kann jeder im Baumarkt kaufen, im Körper verwandelt es sich zu Gammahydroxybuttersäure (GHB), Liquid Ecstasy. Es macht das Opfer willenlos und manipulierbar; wenn es volle Wirkung entfaltet, führt es zu Bewusstlosigkeit und Amnesie, einem Filmriss. Die Substanz ist nur wenige Stunden im Blut nachweisbar.

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          Stefanie Stappenbeck spielt die Verzweiflung, den Schmerz und die Angst glaubhaft. Fast tut es körperlich weh, zuzusehen, wie sie ihrem Mann Freddy (Max von Pufendorf) von der Vergewaltigung erzählt, und er sie daraufhin nicht in den Arm nimmt, sondern nur erstarrt und im Garten Holzscheite herumwirft. Manches in diesem Film ist aber doch zu viel: Die Ärztin, die Franziska untersucht, ist vollkommen gefühlskalt. Die K.o.-Tropfen beginnen nach nicht mal einer halben Minute zu wirken. Es bleibt nicht bei diesem einen Überfall, es entstehen immer neue Gefahrensituationen, in denen die Droge zum Einsatz kommt - als reiche eine Vergewaltigung nicht, als müsse der Horror neunzig Minuten aufrechterhalten werden. Der Strauß an Verdächtigen, der präsentiert wird, kann nicht überraschen. Und das Zeitlupen-Finale mit SEK, Klebeband und einem halben Meter langen Dildo wirkt dann doch sehr übertrieben.

          Im Film wird in Sherlock-Holmes-Manier mit kleinen Hinweisen die Spur zum Täter gewiesen. Ein Armbandanhänger, eine allergische Reaktion – vieles deutet auf die Lösung des Falls hin. Das ist professionell spannend aufbereitet. Die eigenständigen Ermittlungen des Opfers aber wirken unglaubwürdig. Ein paar Ungereimtheiten gibt es auch: Zum Beispiel, dass der Täter Franziska immer wieder Kurznachrichten und sogar ein Video von der Vergewaltigung schickt, aber nicht einmal versucht wird, ihn über seine Nummer zu identifizieren. Oder, dass Franziska immer wieder angegriffen wird und sich der Täter immer weiter exponiert.

          Andererseits schafft es „Lautlose Tropfen“, die Wut und die Erschütterung über ein solches Verbrechen greifbar zu machen. In einer bewegenden Szene in einer Selbsthilfegruppe schildern Frauen jeden Alters und auch ein Mann, wie es ihnen nach dem sexuellen Übergriff erging. Wie ihre Beziehungen kaputt gingen, wie sie Lebensfreude und Zuversicht verloren, wie ihre Verletzungen behandelt werden mussten. Ihre Gesichter zeigen die Verzweiflung über den Kontrollverlust und den Ekel über die Person, die ihnen das angetan hat. Was sagt der Täter? „Wir wollen hier doch alle ’n bisschen Spaß haben.“ Worum es wirklich geht, zeigt „Lautlose Tropfen“ eindringlich.

          Lautlose Tropfen, heute, Montag, 25. März, um 20.15 Uhr bei Sat.1.

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