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ARD-Film „Kopfplatzen“ : Das Unheil nimmt seinen Lauf

  • -Aktualisiert am

Markus (Max Riemelt) hat nichts Gutes im Sinn. Bild: SWR/kurhaus production

In seinem Film „Kopfplatzen“ versetzt sich der Regisseur Savas Ceviz in einen Pädophilen, der gegen seine Neigung anzukämpfen sucht. Wir sehen das Ende kommen.

          2 Min.

          Filme, die aus der Perspektive eines Täters erzählen und Opfer durch dessen Augen wahrnehmen lassen, arbeiten in der Regel mit psychologischen Manipulationen. Sympathy for the devil, so lautet das Konzept, unterhaltsame Beklemmung ist das Ergebnis. „Kopfplatzen“ aber, das Spielfilmdebüt von Savas Ceviz, bedient solche Erzählkonventionen nicht. Der Film, spröde, langsam und leise, mal monochrom, mal dunkel beleuchtet, nach außen so aufgeräumt und kühl wie die Wohnung der Hauptfigur zum Schluss, nach innen immer mehr Druck erzeugend, ist kein Thriller, hat von Krimi nichts, es tauchen keine Polizisten auf, Straftaten werden nicht gezeigt. Und doch steigert sich das Unbehagen von episodisch verbundener Szene zu Szene. Ein Verbrechen könnte jederzeit geschehen, wir wären Zeugen, und keiner könnte sich auf die bloße Veranschaulichung der Amoralität hinausreden.

          Nur Umstände und Zufälle haben bislang verhindert, dass Markus (Max Riemelt) seiner pädosexuellen Neigung nachgegeben hat. Zu Beginn wirkt er wie ein Mann, der seine Work-Life-Balance im Griff hat. Wir sehen Max beim Kickboxen, Max im Architekturbüro, iIn der Straßenbahn. Er betrachtet zwei Schüler auf dem Heimweg. Eine Kollegin möchte ein Date, er sagt, er sei verplant, isst aber allein vor dem Fernseher und fotografiert badende Jungs vom Bildschirm ab. Max besucht und betrachtet einen Wolf im Freigehege. Die Kamera zeigt uns das Fell in Nahaufnahme, die Augen des eingesperrten Raubtiers, das Gebiss. Und dann die Haare der Jungs, ihre Nacken, Haut, Lippen. Max fotografiert heimlich im Schwimmbad. In den Schubladen seiner Dunkelkammer liegen Hunderte Jungsfotos. Die Motive sind zwar heikel, aber nicht explizit. Die Kamerafrau Anne Bolick verwendet extreme Closeups, lädt aber keins ihrer Bilder erotisierend auf. Die Pädophilie ist in Max’ Kopf. Ceviz belässt es jedoch nicht bei dieser Gratwanderung. Der Film wird, je länger man schaut, immer heikler. Max hat einen Chatpartner, der online vom Kindesmissbrauch schwärmt und ihn in die Szene einführen will. Max lehnt ab und schreibt weiter. In diesen Szenen, auch hinsichtlich der Wolfssymbolik, kann man den Film als Kopfgeburt distanzieren. Riemelts differenzierte, vorsichtige und zögerliche Darstellung allerdings kassiert die Distanzierung wieder. Auf der Ebene der eingesetzten Widersprüche ist Ceviz, Autor und Regisseur, der auch für Schnitt und Musik mitverantwortlich zeichnet, ein Fuchs.

          „Kopfplatzen“ gabelt sich in zwei Handlungsstränge, die nicht ständig gespiegelt werden, aber beide in die Tragödie führen. Nachdem sich Markus seinem Hausarzt (Michael Schenk) offenbart hat und weggeschickt wurde, trifft er auf einen Psychiater, der ihm den Unterschied zwischen Neigung und Handlung verdeutlicht. Ein mehr auf Eindeutigkeit angelegter Fernsehfilm zeigte bei diesem Gespräch beide, Max und den Therapeuten, als abwechselnd Redende. Hier bleibt die Kamera fast ganz allein bei Max und seinem Blick aus dem Fenster ins Freie. Sein Wille geschieht, solange er ihn nicht einsetzt. Ein Paradox. Auch als Kommentar zur Selbstbestimmung des freien Willens kann „Kopfplatzen“ gesehen werden. Auf Max’ Küchentisch liegt ein Vergewisserungs-Zettel mit Nietzsche-Zitat. „Jenseits von Gut und Böse“ ist die Liebe zu Arthur (Oskar Netzel) aber eben nicht. Arthur, der Sohn der alleinerziehenden Nachbarin Jessica (Isabell Gerschke), zieht ihn mehr an, als Beherrschung und Medikamente verhindern können.

          Dass dieser bildsprachlich wie szenisch präzise, schwer auszuhaltende Film eine Erstlingsproduktion ist, erstaunt. Cevaz’ Porträtdrama trifft viele kluge Entscheidungen, verharmlost nicht, dämonisiert nicht, und weist von Beginn an auf ein auswegloses Ende hin. Man kann sich fragen, warum man sich als Zuschauer einem derart schwierigen Sujet aussetzen soll, das zudem, etwa in einer Szene in der Schwimmbaddusche, in der Max dem ihm anvertrauten Arthur Haare und Rücken einseift, durch fast unerträglich nahe Beobachtung erschüttert.

          Die Antwort findet sich auch bei Nietzsche: Ecce homo. Ein Mensch, kein Monster. Den dieser bemerkenswerte Film anschaut, sieht und beschreibt, aber nicht exkulpiert. Keine Bühne für Täter, darum geht es nicht. Trotzdem birgt „Kopfplatzen“ mehr Diskussionsstoff, als in „relevanten“ Produktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens so üblich ist.

          Kopfplatzen, um 23.05 Uhr im Ersten

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