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TV-Film „Jungfrauenwahn“ : Frauen stören das System

„Du musst Jungfrau sein, sonst nimmt dich keiner mehr!“: Sascha Soydan als Braut in Güner Balcis Film. Bild: © Yoliswa von Dallwitz

Das ist der richtige Film zur richtigen Zeit: In „Der Jungfrauenwahn“ zeigt Güner Balci, wieso es für junge Muslime immer noch lebensgefährlich sein kann, sich sexuelle Freiheit zu erlauben.

          3 Min.

          Welchen Preis müssen Kinder muslimischer Einwanderer zahlen, wenn ihre Eltern, Onkel und Brüder darauf bestehen, dass sie sich an die traditionellen Regeln und Gesetze halten? Wenn für sie nicht gelten soll, was in der Gesellschaft, in der sie aufwachsen und leben, selbstverständlich ist, und denen, die sich daran nicht mehr halten wollen, grausame Strafen drohen, schlimmstenfalls der Tod?

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die größte Verfehlung, die sich diese jungen Frauen und Männer zuschulden kommen lassen können, sind die freie Wahl eines Partners und Sex vor der Ehe, weil der nicht nur die Frau entehrt, sondern die ganze Sippe. Um das intakte Jungfernhäutchen dreht sich immer noch eine ganze Kultur. Für den Fall, dass „es“ doch passiert ist, bieten kreative Unternehmer im Internet für fünfzig Euro Kunstblut und eine exakte Gebrauchsanweisung an, damit die Hochzeitsnacht nicht in einem Fiasko endet. Es ist dies keine Anekdote, mit der Güner Balci ihren bemerkenswerten Film „Der Jungfrauenwahn“ beginnen lässt, sondern die Grundfrage nach dem Verhältnis von Islam und Sexualität, in ein kleines weißes Tütchen eingeschweißt.

          Verteufelung weiblicher Sexualität

          Die Protagonisten, die Güner Balci zu Wort kommen lässt, erzählen von dieser schier unüberwindbaren kulturellen Differenz, von der Verteufelung weiblicher Sexualität in muslimischen Gemeinschaften, die mitten unter uns ihre verheerende Wirkung entfaltet. Es erzählen junge Muslime aus dem Berliner Wedding, Frauenrechtlerinnen, ein Psychologe und schließlich der Rektor der Pariser Großen Moschee, Dalil Boubakeur, ein bedeutender Repräsentant des europäischen Islams.

          Es sind die Geschichten aus unserem Alltag, die erschüttern oder zumindest irritieren, weil schnell klar wird, dass es kaum Interventionen von außen gibt. Frei zu leben schafft immer noch nur, wer sich selbst auf den Weg zu machen wagt. Eine Femen-Aktivistin sagt: „Frauen stören das System!“ Wie kann eine Gesellschaft, fragt Balci, diese Spaltung ignorieren?

          Ihre eigene Kindheit in Berlin-Neukölln, von der sie berichtet, verlief eigentlich unspektakulär und doch so verschieden von der ihrer Gesprächspartner. Die Eltern, als Gastarbeiter ins Land gekommen, waren zwar skeptisch. Doch ließen sie der Tochter Freiheiten, von denen andere nicht einmal zu träumen wagten. Sie sollte hier zurechtkommen, weil das ihre Vorstellung von Glück war. Vor allem ersparten die Eltern ihrem Kind den Bruch mit der Familie, denn dieser Bruch bedeutet Einsamkeit und Schuldgefühle, die nicht jeder verkraftet und darum kapituliert. Ein Ausstieg, mag er von außen auch wie ein Aufstieg scheinen, sagt der Psychologe Ahmad Mansour, sei für muslimische Jugendliche schwieriger als für andere, etwa der Ausstieg aus einer rechtsextremen Gruppe: „Du musst dich gegen die ganze Kultur auflehnen.“ Und daran zerbrechen viele.

          Ihre Eltern gaben ihr Freiheiten, die in unserem Land selbstverständlich sind, von den viele junge Muslime nur träumen können: Güner Balci.

          Mansour wuchs in Israel auf, in einem arabischen Dorf. Auch er hatte als Kind tief verinnerlicht, dass Frauen nicht gleichwertig sind, dass sie sich verhüllen müssen und Sex vor der Ehe ehrlos macht. Seine Selbstbefreiung ist so eindrucksvoll wie nachvollziehbar, jedenfalls hofft er das. Ahmad Mansour arbeitet heute in Berliner Problemvierteln mit muslimischen Jungen. Es seien fremdbestimmte Jungen, die unter dem gleichen großen Druck stünden wie die Mädchen, sagt er. Die Rolle, die ihnen anerzogen wird, kollidiert fast zwangsläufig mit unserer Lebenswelt, was sie spüren und viele aggressiv werden lässt. In seiner Gruppe „Heroes“ versucht Mansour durchaus erfolgreich, diese aberwitzigen Männerbilder aufzubrechen.

          Islamkritik unter Polizeischutz

          Schritt für Schritt führt Güner Balci ihre Zuschauer in die islamische Welt der Frauenverachtung und Gewalttätigkeit. Eine Schauspielerin liest aus dem „Buch der Ehe“ von al-Ghazali vor, neunhundert Jahre alt und doch immer noch prägend und nicht diskutierbar: „Die Natur hat einen gewissen Widerwillen gegen eine solche (Frau), die schon ein anderer berührt hat.“ Und darum wissen aufgeweckte Mädchen, dass sie fliehen müssen, wenn die Onkel zu Hause im Wohnzimmer auf sie warten, weil sie mit einem Jungen erwischt worden sind. Gegen dieses sexualisierte Bild von der Frau kämpft die Rechtsanwältin Seyran Ates seit Jahrzehnten an. Der Film zeigt, was das heißt: Sie hat ein Attentat vor Jahrzehnten nur knapp überlebt, auch nach ihrem letzten Buch, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“, wurde sie mit deutlichen Morddrohungen verfolgt, sagte alle Lesungen ab und tauchte unter für ein Jahr. Kein Einzelfall – Islamkritik in der Öffentlichkeit findet immer häufiger unter Polizeischutz statt.

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