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„Herzjagen“ mit Martina Gedeck : Sie will krank sein

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Spieglein, Spieglein: In „Herzjagen“ spielt Martina Gedeck eine Frau, die von ihrer Erkrankung nicht lassen kann. Bild: BR/Hubert Mican

In dem Film „Herzjagen“ spielt Martina Gedeck eine Frau, die einen schweren Herzfehler hat. Ihr Arzt rät zu einer Operation. Danach geht es ihr besser oder auch nicht. Sie hat sich an das Leben einer Umsorgten gewöhnt und beginnt, den Arzt zu stalken.

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          Es ist alles sehr schwer symbolisch in dem Film „Herzjagen“: Caroline Binder (Martina Gedeck) leidet unter Herzinsuffizienz. Manchmal fällt ihr selbst das Atmen schwer, dann träumt sie, begleitet vom Keuchen auf der Tonspur, sie sei eine Astronautin, schwerelos einsam im All, ohne Bezug zur Erdanziehung. Ihr Ehemann Sebastian (Rainer Wöss), mit übermenschlicher Geduld gesegnet, nimmt seit zwanzig Jahren Rücksicht auf die Schwäche seiner Partnerin, deren Kollektion seidig fließender Pyjamas, Nachthemden und mit luxuriösen Mustern bedruckter Bademäntel von schönheitsbewusster Selbstfürsorge zeugt. Er geht zwar gelegentlich mit Aktentasche aus dem Haus, aber sein Mittelpunkt ist die elegisch kränkelnde Gattin, ein ganz anderer Typ als seine Mutter, die immerzu verbal schonungslos mit der Tür ins Haus der zarten Intimität einfällt.

          Als Carolines behandelnder Arzt eine OP am offenen Herzen dringend empfiehlt, bleibt sie in Warteposition. „In acht bis zehn Tagen“ könne er sie danach „in ihr neues Leben entlassen“, so der Herzchirurg Paul Hofmann (Paul Noori). Ein neues Leben? Sie hat doch eins. In der Enge einer Kliniktoilettenkabine ringt sie um Fassung. Nebenan spuckt sich jemand die Seele aus dem Leib. Die Psychiaterin Erika Pielach (Ruth Brauer-Kvam) hat Krebs im Endstadium sowie ein erfülltes Privatleben mit warmherziger Zuneigung zu Tochter und Enkelin. Sie will das „erfüllte“ Leben, das Patientin Caroline verunsichert.

          Sind wir unsere Krankheit, und was passiert mit ihr, wenn wir zulassen, dass sie uns genommen wird? In ihrem Buch „Herznovelle“ bewegt Julya Rabinowich solche Fragen am Beispiel des Organs, das als tradierter Topos für Leben und Liebe steht. Am Wörtlichnehmen der Metapher verhebt sich die österreichisch-deutsche Literaturverfilmung von Elisabeth Scharang (Regie und Buch) allerdings bisweilen. „Sie haben mein Herz berührt“, weiß Caroline bestürzt, nachdem der Chirurg sich an ihrer defekten Herzklappe zu schaffen gemacht hat. Die Kamera von Jörg Widmer zeigt Carolines postoperative Auseinandersetzung mit sich selbst am Beispiel von blitzendem Kochmesser und lebendigrotem Rinderfilet – auf dem sich später die Schmeißfliegen tummeln. Das von der Rekonvaleszentin selbst entworfene, extravagante Wiener Architektenhaus mit Blick auf das Klinikum wirkt bald nicht mehr wie ein Rückzugsort vor den Zumutungen der Welt draußen, etwa dem ununterbrochenen Straßenverkehrsstrom, auch einer Lebensader. Schuld am neuen Blick, so Caroline, ist der Arzt. Sie beginnt ihn zu stalken. Der wendet sich, als Organmaterialist hilflos im Umgang mit seelischen Einbildungen, an die tatsächlich sterbende Erika Pielach.

          „Herzjagen“ ist da eindrücklich, wo der Film das fragwürdige Erbe der Freudschen Hysterieforschung bildlich und szenisch ernst nimmt. Martina Gedeck spielt die Rolle der herzkranken Lebensvermeiderin so stark, wie sie das eben spielen kann. Wenn ihre überaus kontrollierte Figur des Beginns im Krankenhaus die Fassung verliert, barfuß im Bademantel mit einer Sängerin (Clara Luzia) auf dem Platz vor dem Café Duett singt, wirkt die Entdeckung der inneren Kraft nicht mehr so manieriert wie der hypersymbolische Anfang.

          Zum Schluss allerdings verliert sich „Herzjagen“ in einem dichten Bedeutungsnebel von Kalendersprüchen („Sie können nur geben, wenn sie genug für sich selbst haben“) und einem Märchenende, das die eine der beiden Frauen opfert, um der anderen Rolle mehr Gewicht zu geben. Am Ende aber bleiben, neben einigen visuell starken Szenen von Carolines Selbstentäußerungstrip, Mantras wie aus dem Yogakurs: „We all have bags to carry“ respektive „Angst ist ein überschätztes Gefühl“.

          Herzjagen, an diesem Mittwoch 17. Juni, um 20.15 Uhr im Ersten

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