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Netflix-Komödie : Eine Rolle sind fünf zu wenig

  • -Aktualisiert am

Marlon Wayans (li., re.) in zwei von sechs Rollen in einem Film. Bild: NETFLIX

Marlon Wayans zeigt in „Einer von Sechs“, dass er der nächste Eddie Murphy ist. Seine Netflix-Komödie ist so albern, kindisch und derb wie köstlich lustig.

          Buster Keaton hat’s erfunden: In „The Playhouse“ spielte der Urvater des akrobatischen Slapstick 1921 sämtliche Rollen auf und vor der Bühne zugleich, technisch damals eine Meisterleistung. Auch Laurel und Hardy („Dick und Doof“) vergnügten sich mit Doppelgängersketchen. Jerry Lewis legte im „Nutty Professor“ (1963) eine glanzvolle Dreifachleistung hin, Didi Hallervorden blödelte sich in „Die Rache der Enterbten“ gleich durch acht Rollen, aber erst Eddie Murphys Remake des „Verrückten Professors“ aus dem Jahr 1996 brachte das Multipler-Protagonist-Genre mit brachialen Darmwind-Witzen im Fat Suit auf brutal albernes, fröhlich inkorrektes Trash-Niveau. Das war auf ganz eigene Weise eine Leistung. Bis heute lässt sich mit diesem Film oder dem noch primitiveren Nachfolger „The Klumps“ der Wahrnehmungsapparat ausspülen, wenn man etwa genug von überkomplexen Serien oder bedrückenden Dokumentationen hat. Das überlebt kein einziger schwerer Gedanke.

          Was der aus turbulenten Parodien wie „Scary Movie“, überdrehten Komödien wie „Naked“ und seiner Sitcom „Marlon“ (NBC und Netflix) bekannte Marlon Wayans, der schon mit Eddie Murphy vor der Kamera stand – für die mit gleich drei „Goldene Himbeere“-Antipreisen belohnte Multipler-Murphy-Farce „Norbit“ –, was also dieser Wayans da nun auf Netflix mit „Einer von Sechs“ hinlegt, das kommt schon nah an den Meister der turboflapsigen Klamotte heran, zumal auch hier Dickenwitze zentnerweise serviert werden. Mal bricht das Bett zusammen, mal wird ein „Arsch auf Gesicht“-Tanz aufgeführt, mal klemmt der verfressene, halbbehinderte Russell sabbernd im Süßigkeitenautomaten fest. Zwei der von Wayans verkörperten Sechslinge und ihre Mutter stecken im üblen Fettanzug, und die Maske wie die CGI-Abteilung haben ganze Arbeit geleistet.

          Es ist die Geschichte eines elternlos aufgewachsenen, adretten jungen Mannes, glücklich liiert mit der wohlhabenden Richtertochter Marie (Bresha Webb), der kurz vor der Geburt seines ersten Kindes erfährt, wo die eigene Mutter wohnt und dass er fünf gleichaltrige, einander nur teils bekannte Geschwister hat. Diese allesamt exaltiert durchgeknallten, straßenschlau verschlagenen, aber im Herzen (meist) gutmütigen Gestalten sucht Protagonist Alan nun nacheinander auf. Das wenig originelle Buch zu dieser ulkigen Heldenreise über Schichtgrenzen hinweg stammt von Wayans, Rick Alvarez und Mike Glock. Die Regie lag wie bei vier vorangegangenen Wayans-Filmen bei Michael Tiddes, bekannt für seine knallbunte Kaugummiästhetik und Gag-zu-Gag-Dramaturgie.

          Das Ergebnis ist so albern wie kindisch, so dämlich wie derb – und dabei köstlich unterhaltsam. Nicht gehoben heiter, nicht anspielungsreich verdreht, sondern auf naiv schmutzige Weise krachlustig. So flach der Plot nämlich ist, so gut ist das Timing, die Situationskomik und die Mimik des Protagonisten, der alle Rollen mit physischer Bravour ausfüllt, so dass der halbseidene Nagelstudio-Gigolo Ethan tatsächlich ganz anders wirkt und spricht als der aufrechte Alan oder der intellektuelle Psychopath Jaspar. Nur so geht dieser Humor auf. Wenn die Geschwister gleichzeitig einen Dip auswürgen, als sie hören, er enthalte Avocado – ihre Abscheu vor Avocado gehört zu den wenigen Gemeinsamkeiten; weitere sind die Fähigkeit, mit beiden Armen werfen zu können, und eine an Irrsinn grenzende Vorliebe für die Krimiserie „The Rockford Files“ –, könnte das leicht zum Desaster werden, wenn Tempo und Gestik nicht stimmten. Aber sie stimmen haargenau, zumindest im Original; bei der deutschen Synchronisation geht leider ein guter Teil der komischen Energie verloren.

          Insbesondere die Szenen mit Bruder Russell, der Alan auf der Reise begleitet, haben ihr besonderes Flair. Dieses schiefgesichtige, einsame Muttersöhnchen – Wayans spielt ihn als selbstbewusstes Riesenbaby – wechselt gekonnt zwischen treuherzigen Kindskopfsätzen und unerwartet klugen Grammatikhinweisen, was pointierte Dialoge ermöglicht. Wenn dann ein Stier den Wagen der Brüder auf die Hörner nimmt (Russell hatte dem Bullen Milch für sein Müsli abzapfen wollen) und der geschundene SUV in Zeitlupe durch die Luft fliegt (Russell schnappt noch im Flug mit Froschzunge nach herumfliegenden bunten Frühstück-Pops), dann erreicht der Film auch technisch-ästhetisch seinen Höhepunkt. Im Abgang wird es dann etwas dröge, als hätte die Milch für so viel Crunch-Müsli-Plot nicht gereicht. Aber auch wenn man zugeben muss, dass die Filmgeschichte ohne dieses Opus nicht unbedingt ärmer gewesen wäre, macht diese Vollgas-Verneigung vor Eddie Murphy und den Feinheiten des pubertären Humors gute Laune. Und das ist ja nicht nichts.

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