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„Die Kinder des Fechters“ : Sie suchen nach Dir

  • -Aktualisiert am

Zuerst kann der Lehrer Endel (Märt Avandi) mit Kindern nicht viel anfangen. Doch dann gibt er ihnen Lektionen fürs Leben mit auf den Weg. Bild: © Kick Film

„Die Kinder des Fechters“ erzählt die Geschichte eines estnischen Lehrers, der für seine Schüler Kopf und Kragen riskiert. Und das in der Zeit von Stalins Terrorherrschaft.

          Zwei Einblendungen, weiß auf schwarz: „Während des Zweiten Weltkrieges wurde Estland abwechselnd von Deutschland und der Sowjetunion besetzt.“ Und: „Am Ende des Zweiten Weltkrieges okkupierte die Sowjetunion Estland. Es begann die Herrschaft Stalins.“

          Viel mehr ist in Klaus Härös Spielfilm „Die Kinder des Fechters“ nicht nötig, um die bedrückende Atmosphäre in einem Land begreiflich zu machen, das 1918 den Schritt in die Unabhängigkeit gewagt hatte. Das im Juni 1940 (eine Folge des Hitler-Stalin-Pakts) den Einmarsch der Roten Armee und in der Folge massive Deportationen erlebte. Im August 1941 dann die deutsche Okkupation, mit der nun der nationalsozialistische Terror-Apparat einzog. Und schließlich die Rückkehr der Russen 1944, neue Gewalt im Zeichen der Sowjetisierung.

          Lähmendes, über allem und jedem liegendes Grau

          Der in der Nachkriegszeit spielende Film braucht zusätzlich nur noch einige Lastwagen, die Soldaten durch die Ortschaften karren, Propagandabilder von Stalin, Bahnhofsdurchsagen an die „Genossen“, und lähmendes, über allem und jedem liegendes Grau. Und jeder Zuschauer versteht, dass es ein traumatisiertes Land ist, in dem diese Geschichte spielt.

          Wie man sich durchkämpft und Haltung bewahrt: Endel (Märt Avandi) mit einer seiner Schülerinnen.

          Das Gesicht von Endel Nelis, einem Mann Ende zwanzig, der im Winter 1952 mit dem Zug von Leningrad in den Küstenort Haapsulu fährt, um dort als Lehrer zu arbeiten, ist entsprechend verhärtet (reserviert, aber warmherzig: Märt Avandi). Die Kamera folgt ihm, wie er seine Tasche durch einen ärmlichen Ort trägt. Pferdehufe klappern, Hühner gackern, zwei Militärjets donnern am Himmel. Er betritt ein das Gelände einer Schule, deren Leiter seine Bewerbungsunterlagen strengen Auges mustert und gleich bei dieser ersten Begegnung bemerkt, dass er vom Sportfechten, der großen Leidenschaft des neuen Lehrers, nichts halte. Zu elitär. Völlig ungeeignet für die proletarische Jugend.

          Nelis nimmt es zur Kenntnis. In einer Pause, in der er heimlich mit dem Florett trainiert, registriert er allerdings auch die großen Augen, mit denen ein Mädchen seine tänzerischen Bewegungen in der Turnhalle verfolgt. Als sein Versuch scheitert, zur Erfüllung seiner außerschulischen Verpflichtungen einen Ski-Kurs auf die Beine zu stellen, da die vorbereitete Ausrüstung vom Militär verwendet wird, hängt er daher entgegen allen Warnungen zum Trotz die Einladung zu einem Fechtkurs an das schwarze Brett. Große Aufregung, großes Getuschel.

          Solche Filmszenen, hochemotional, kennt man zur Genüge, aber sie funktionieren immer wieder: Ein Mann bleibt sich treu, steckt andere an. Der Moment, in dem die oftmals vaterlosen Kinder der maroden Oberschule Nr. 2 um den Aushang herumstehen, ist zugleich die Gründungsstunde des Fechtclubs „En Garde“, den es bis heute gibt – so wie es auch Endel Nelis, den Protagonisten dieses Films, in Wirklichkeit gab. Endel, den Fechter.

          Der sich abzeichnende Konflikt zwischen dem engagierten Lehrer und seinem regimetreuen Direktor (etwas konturlos: Hendrik Toompere) wird dabei im Film durch einen anfangs nicht näher zu entschlüsselnden Umstand verschärft: die Angst des Fechters vor der sowjetischen Geheimpolizei.

          Denn Nelis zählte, wie sich herausstellt, während Recherchen der misstrauischen Schulleitung und Trainingseinheiten der auflebenden Schüler ineinandergeschnitten werden, nach der deutschen Besetzung Estlands zur Wehrmacht. Widerwillig zwar, er tauchte rasch unter im Wald. Aber bei den Sowjets hängt es ihm nach, was schon der Grund für Flucht in die Provinz war. „Sie haben sich wieder nach Dir erkundigt“, raunt ein Freund aus Leningrad ins Telefon.

          Und in Haapsalu verschwinden weiter die Männer, ein Alter zum Beispiel, der einst in Leipzig promovierte und den Schülern, die das Fechten vorwiegend mit Ästen lernen müssen, die sie am vereisten Ufer der Ostsee auflesen, Florett und Maske aus Studienzeiten spendierte.

          Das von der fechtbegeisterten Finnin Anna Heinämaa geschriebene Drehbuch tippt solche Dinge leider nur an; hier tiefer zu schürfen, wäre bei der komplizierten baltischen Geschichte angebracht gewesen, und es hätte „Die Kinder des Fechters“ auch weniger zu einem Schulfilm á la „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, und dafür mehr zu einem komplexen psychologischen Drama gemacht.

          Der Film nimmt sich zudem einige erzählerische Freiheiten zu viel. Der echte Nelis wurde nach Angaben der Familie weder bei einem Wettkampf verhaftet noch in ein Arbeitslager gesteckt. Lediglich seine Furcht zu zeigen, in einer Zeit, in der viele andere verschleppt wurden, hätte der finnisch-deutsch-estnischen Koproduktion mehr Griff verliehen.

          Aber im Mittelpunkt des Films, der 2015 fast gleichzeitig in die Kinos kam wie ein Antikriegsfilm namens „Brüder-Feinde“ (1944), der von estnischen Soldaten beiderseits der Front im Jahr 1944 erzählt, steht auch eher die Beziehung zwischen Nelis und seinen Schülerinnen und Schülern, von einer kreuzbraven Kollegin gar nicht zu reden. Nelis‘ Hinwendung zu den Schülern wächst, obwohl er mit Kindern anfangs herzlich wenig anfangen kann. Der Lehrer geht Risiken ein, um ihnen in finsteren Jahren ein Ersatz-Vater zu sein und seine Leidenschaft für den Fechtsport als Symbol für persönliche Freiheit weiterzureichen. Ein schön fotografierter Film über einen, der seinen Platz im Leben findet und verstanden hat, was banal klingt, aber alles andere als banal ist: dass von den Kinderseelen die Zukunft abhängt.

          Der Film endet kurz nach dem Tod Stalins 1953. Danach, heißt es trocken im Aufsatz „Estland während des Stalinismus 1940 – 1953“, den Olaf Mertelsmann und Aigi Rahi-Tamm für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im online verfügbaren „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012“ veröffentlicht haben, „schwor der sowjetische Staat dem Massenterror ab, und das Niveau der Repressalien sank auf das anderer autoritärer Regime.“

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