https://www.faz.net/-gqz-9pb36

ARD-Doku über die Treuhand : Im Maschinenraum der Transformation

Spricht seit Jahren zum ersten Mal über ihr Wirken: Birgit Breuel. Bild: Jana Mai

Der Film „D-Mark, Einheit, Vaterland“ beleuchtet das Wirken der Treuhand. Er ist unbedingt sehenswert. Dass die Autoren dafür Ex-Treuhand-Chefin Birgit Breuel gewannen, ist ein Coup.

          Sie läuft noch einmal durch die langen Gänge im einstigen Gebäude der Treuhand-Anstalt in Berlin, fährt mit dem Paternoster auf und ab, erinnert sich an damals. Das Haus ist heute Sitz des Bundesfinanzministeriums und nach Detlev Rohwedder benannt, dem im Frühjahr 1991 ermordeten Präsidenten der Treuhand-Anstalt, dem Birgit Breuel nachfolgte. Niemand wollte diesen wohl damals gefährlichsten Job, den Deutschland zu bieten hatte, haben. Birgit Breuel, Rohwedders Stellvertreterin, war die Einzige, die sich das zutraute. „Ich war die Hassfigur im ganzen Land“, sagt sie, inzwischen 81 Jahre alt, im Film beinahe regungslos in ihrer stoischen, von vielen als kalt empfundenen Art, hinter der sich, das klingt in der Dokumentation an, auch Selbstzweifel und Unsicherheit verbargen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dass Breuel überhaupt noch einmal Auskunft über ihr Wirken bei der Treuhand gibt, ist eine kleine Sensation. Seit ihrem Abschied von der Behörde Ende 1994 hat sie öffentlich nie darüber gesprochen, Anfragen von Wissenschaftlern und Journalisten lehnte sie konsequent ab. „Sie hatte viele Jahre lang gar nicht mehr über die Treuhand nachgedacht“, sagt Inge Kloepfer, Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die mit Jobst Knigge für Arte und MDR die Dokumentation „D-Mark, Einheit, Vaterland – Das schwierige Erbe der Treuhand“ gedreht hat. „Für Birgit Breuel war es eine große Sache, sich jetzt noch mal damit auseinanderzusetzen.“ Am Ende ließ sie sich überzeugen und erzählt im Film von den Turbo-Jahren bei der Treuhand: wie sie aus dem Nichts anfingen und eine Behörde aufbauten mit dem Ziel, diese so schnell wie möglich wieder aufzulösen. „In Bonn“, sagt Birgit Breuel mit Blick auf die damalige Bundesregierung, „hat man anfangs überhaupt nicht verstanden, was wir gemacht haben. Ganz eigenartig war das.“

          Für Helmut Kohls Regierung war die Treuhand freilich der ideale Blitzableiter, traf doch die Wut der Hunderttausende, quasi über Nacht entlassenen Menschen im Osten weder ihn noch sein Kabinett oder gar den Bundestag, sondern vor allem: die Treuhand. Der Name ruft im Osten bis heute Wut und Zorn hervor. „Frau Breuel konnte damals einfach gehen, aber uns beschäftigt die Treuhand bis heute“, sagt unter großem Beifall eine Frau aus dem Publikum bei der Premiere des Films in Leipzig. Die Autoren thematisieren die Ambivalenz des Themas: Während die Treuhand im Westen heute kaum noch eine Rolle spielt, ist sie im Osten nach wie vor allgegenwärtig: Die Treuhand, so die gängige Erzählung, habe alles plattgemacht und ganz Ostdeutschland an Westdeutsche verscherbelt. Kein Wunder, so fügen andere an, dass die Wut im Osten heute so groß sei.

          Der Film zieht solche (Kurz-)Schlüsse dankenswerterweise nicht, vielmehr rekapituliert er noch einmal die Zeit, als pro Woche Hunderte Unternehmen privatisiert oder stillgelegt wurden. Es habe damals, so berichten weitere Zeitzeugen, interne Wettbewerbe gegeben, welche Abteilung am schnellsten vorankomme. Weg, weg, weg, sei der Tenor gewesen, und das hatte maßgeblich mit Birgit Breuel zu tun – die sich in der Sache jedoch mit dem Bundesfinanzministerium einig wusste. Anders als Rohwedder, der Unternehmen erst sanieren und dann verkaufen wollte, plädierte sie dafür, so schnell wie möglich zu privatisieren und die Sache dem Markt überlassen. Darüber hätten Rohwedder und sie „gestritten wie die Kesselflicker“, erzählt sie im Film, der die Konsequenzen dieser Turbo-Strategie nicht ausspart: „Der Markt ist ein Monstrum“, sagt Klaus von Dohnanyi, und die Autoren resümieren: „Von diesem Sturm, der damals über Ostdeutschland fegte, haben sich die ostdeutschen Bundesländer bis heute nicht erholt. Sie sind nahezu vollständig deindustrialisiert.“

          Auch er kommt zu Wort: Lothar de Maizière (CDU), 1990 Ministerpräsident der DDR.

          Binnen drei Jahren wurden rund achttausend DDR-Unternehmen mit mehr als vier Millionen Mitarbeitern privatisiert oder abwickelt, drei Millionen Menschen verloren ihre Jobs, nicht einmal zehn Prozent des Volkseigentums landete in den Händen von Ostdeutschen. Sie wurden bei Privatisierungen nicht berücksichtigt, weil sie kein Eigentum hatten, keinen Kredit erhielten und als Unternehmer selten ernst genommen wurden. Gleichwohl zeigt die einstündige Dokumentation das Bemühen von Treuhand-Mitarbeitern, ihre Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen. Das lag auch an der Art des Personals, das vor allem aus älteren westdeutschen Managern bestand, denen die deutsche Einheit ein Anliegen war, sowie aus jungen Uni-Absolventen, die Lust hatten, Neues auszuprobieren. So gab es Fälle, in denen sich Treuhand-Manager mit Ostdeutschen gegen allzu siegesgewisse westdeutsche Konkurrenten verbündeten. Gestoppt wurde der knallharte Privatisierungskurs jedoch erst 1993, als dessen Ausmaß sichtbar wurde. Auf einmal ging es darum, industrielle Kerne zu erhalten. Doch es war zu spät, neunzig Prozent der Firmen waren verkauft oder stillgelegt.

          Das Resümee der turbulenten Treuhand-Jahre ist ein immenser Transfer von Eigentum und Menschen von Ost nach West. Die Behörde war der Maschinenraum der Transformation einer sozialistischen Planwirtschaft in eine kapitalistische Marktwirtschaft, für die es keine Blaupause gab. Die wohltuend differenzierte Dokumentation taucht ein in die atemlosen Jahre nach der Wiedervereinigung, die den Osten zwar äußerlich in blühende Landschaften verwandelten, im Inneren aber auch ein gesellschaftliches Trauma hinterließen. Das aber ist keine Angelegenheit allein des Ostens, sondern Teil der gesamtdeutschen Geschichte.

          D-Mark, Einheit, Vaterland – Das schwierige Erbe der Treuhand läuft heute um 22.05 Uhr auf Arte, am 19. August um 22.45 Uhr im Ersten und am 10. September um 22.05 Uhr im MDR.

          Weitere Themen

          Warum ticken die Ossis so?

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.