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Michelle Obamas „Becoming“ : Die First Lady der Herzen

Signierstunde: Michelle Obama auf Tournee, wie „Becoming“ sie zeigt. Bild: Netflix

Der Film „Becoming“ feiert Michelle Obama als Heldin des guten Amerika. Doch er leistet noch mehr: Auch wenn sie den Namen Trump nicht ausspricht, steigt Netflix hier in den Wahlkampf ein.

          4 Min.

          Tränen fließen, vor allem bei amerikanischen Frauen mit dunkler Hautfarbe, asiatischem oder lateinamerikanischem Hintergrund, wenn sie endlich vor Michelle Obama stehen, ihr Idol die Hand nach ihnen ausstreckt, ihnen für ein paar Sekunden in die Augen schaut, als gäbe es keine Menschenmassen drumherum, und Worte der Wertschätzung spricht. „Ich bin so stolz auf dich“, sagt die ehemalige First Lady, „es ist außergewöhnlich, was du leistest“, „gib weiterhin dein Bestes“, „es tut gut, dich zu sehen“. Selbst Malia Obama, die älteste Tochter, erliegt dem Zauber dieser Auftritte. „Ich musste schon wieder weinen“, gesteht sie ihrer Mutter hinter den Kulissen der Promotiontour für deren Autobiographie „Becoming“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das war vor zwei Jahren. Ein Filmteam von Netflix begleitete Michelle Obama damals bei ihrer Lesereise quer durch die Vereinigten Staaten, die rund drei Dutzend Stationen zählte. Jetzt geht die daraus entstandene gleichnamige Dokumentation der Regisseurin Nadia Hallgren auf Sendung, rechtzeitig zur langsam in Sichtweite rückenden heißen Phase des Wahlkampfs um die amerikanische Präsidentschaft, die Barack Obama nach zwei Amtsperioden an Donald Trump weiterreichen musste. Letzterer bleibt der große Ungenannte in dieser filmischen Nahaufnahme, der rosa Elefant im Raum, dessen Namen Michelle Obama nicht ausspricht, den aber selbst ihr geballtes Charisma nicht einfach vertreiben kann wie einen bösen Geist. Dabei geht es um nichts anderes.

          „Becoming“, der Film, entstanden für und verbreitet von dem weltweit führenden Streamingdienst, bei dem die Obamas mit ihrer Firma Higher Ground Productions als Produzenten eingestiegen sind und einen Oscar für die Dokumentation „American Factory“ ergattert haben, versucht gar nicht erst den Anschein zu wecken, etwas anderes zu sein als eine anderthalbstündige Dauerwerbesendung: eine Huldigung der Protagonistin, Seelenbalsam für ihre Anhängerinnen und Anhänger und eine ziemlich hemmungslose Promotion-Show einer First Lady der Herzen.

          Die Lesereise wird als Triumphzug nachgezeichnet, ein Höhenflug durch volle Hallen, eröffnet in einem Podiumsgespräch mit der Talkshow-Königin Oprah Winfrey, fortgeführt im Dialog mit deren bester Freundin, der CBS-Moderatorin Gayle King, beschlossen mit einem Gespräch vor Publikum mit Late-Night-Talker Stephen Colbert. Michelle Obama hält Hof, das Who-is-who der politisch den amerikanischen Demokraten nahestehenden Medienwelt assistiert als Zeremonienmeister, Größen des Soul, Pop und R’n’B liefern den Soundtrack und die Lyrics. Und doch zeigt sich die frühere „Flotus“ ganz nah bei den Menschen.

          Die ehemalige First Lady vor einem Auftritt.

          Sie trifft sich mit Seniorinnen vom Kirchenkränzchen zum Plausch, schaut in einer Kinderbetreuung vorbei, hört Schülern und Studenten zu. Junge Leute fragen sie nach Ratschlägen, Ältere danken für das Gefühl des Stolzes, das ihnen das erste schwarze Präsidentenpaar im Weißen Haus vermittelt habe. Spricht sie vor Hunderten von Menschen, hält die Kamera Reaktionen auf den Gesichtern Einzelner fest. Wir sehen persönliche Bewegtheit. Wo immer Michelle Obama auftaucht, wird es persönlich. Das ist ihre Mission, ihre Version des amerikanischen Traums: Wandel vom Einzelnen her.

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