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Michelle Obamas „Becoming“ : Die First Lady der Herzen

Im Buch „Becoming“ erzählt sie, wie sie wurde, wer sie ist. Der Film „Becoming“ rekapituliert – mit Hilfe alter Familien- und Pressefotos, ihrer Mutter, ihres Bruders und ihres Ehemannes als Stargast – ebenfalls wichtige Stationen ihrer Biographie, schaut Michelle Obama aber vor allem dabei zu, wie diese Erzählung der Selbstwerdung zum Live-Act mit Aufforderungscharakter wird: eine Sinnstiftung, ein profaner Missionsauftrag von einer exzellenten Geschichtenerzählerin.

Michelle LaVaughn Robinson, das schwarze Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen in Chicago, Nachkomme von Sklaven, Kind hart arbeitender, anständiger Menschen, schaffte es nach Princeton und Harvard. Als Juristin in einer angesehenen Firma wurde sie Mentorin des Mannes, den sie als Aufforderung empfand, nach noch Höherem zu streben, um neben ihm zu bestehen: Barack Obama.

Das Paar bewältigte Eheprobleme und kämpfte sich gemeinsam gegen rassistische und misogyne Anfeindungen politisch an die Spitze: Symbolfiguren für ein besseres, würdigeres, Einheit in der Vielfalt suchendes Amerika voller „change“ und „hope“. All das entrollt die Dokumentation noch einmal, um vor allem den Zuschauern in den Vereinigten Staaten zu sagen: Auch du kannst deinem Leben Bedeutung geben, die nächste Michelle Obama werden - oder doch wenigstens beim nächsten Urnengang dafür sorgen, dass die Richtigen an die Macht kommen.

Dass so viele „ihrer Leute“ nicht gewählt hätten 2017, habe sie als schwere Niederlage empfunden, sagt Michelle Obama und legt so die wesentliche Motivation des Films offen. Er gibt sich vordergründig unpolitisch, als Porträt einer von der Last des Amtes befreiten Persönlichkeit, die sich selbst zeigt, modisch in die Vollen geht und als Mentorin unterprivilegierter junger Frauen wirkt. Sie und ihr Ehemann selbst stehen nicht zur Wahl für ein Amt, doch es geht, so wird vermittelt, um ihr Erbe. Als charakteristisch für die Präsidentschaft Obamas wird der Tag herausgegriffen, an dem der Präsident mittags bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers von Charleston singend mit „Amazing Grace“ kondolierte und abends das Weiße Haus in den Farben des Regenbogens angestrahlt war, um die Legalisierung der Homo-Ehe zu feiern. Keine Diskriminierung. Kein Hass.

Symbolische Momentaufnahmen wie diese geben „Becoming“ seinen emotionalen Drive, blenden aber auch jede Kritik oder auch nur Differenz oder kleiner ausfallende Begeisterung aus. Michelle Obama unter Fans bewegt sich in einer Echokammer. Es kann gut tun, zu sehen, dass sich in den Sälen, die sie bespielt, ein anderes, freundlicheres Amerika zu versammeln scheint als das, für welches die gegenwärtige Administration steht. Es kann einen aber auch zutiefst pessimistisch stimmen zu sehen, als wie abgeschlossen die Welt der Michelle Obama sich in „Becoming“ darstellt. Am Ende bleiben keine neuen Fakten, es bleibt ein Gefühl für eine phänomenal wirkende Frau und eine zerrissene Nation.

Becoming ist auf Netflix abrufbar.

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