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„Again – Noch einmal“ bei Arte : Was geschah im Netto-Markt wirklich?

  • -Aktualisiert am

Eindeutige Situation? Wohl kaum, in „Again – Noch einmal“ scheint es aber so. Bild: © Mario Pfeifer Studio

Der Film „Again – Noch einmal“ will rekonstruieren, was einem Flüchtling widerfuhr. Doch das gelingt mit diesem Stück Haltungsfernsehen nicht.

          3 Min.

          Am 21. Mai 2016 um 18.53 Uhr betritt der irakische Flüchtling Shabaz den Netto-Markt im sächsischen Arnsdorf. Seit sechs Stunden versucht er, mit Unterbrechungen, ein Problem mit seiner Telefonkarte zu lösen. In der Hand hält er erhoben eine Weinflasche aus dem Sortiment. Die Kassiererin, aufgebracht über das wiederholte Erscheinen des Mannes, der arabisch auf sie einredet, fühlt sich bedroht. Sie fordert ihn auf, die Flasche an einer bestimmten Stelle abzustellen. Schließlich überwältigen drei kräftige Männer Shabaz, schlagen ihn, ein vierter kommt hinzu, sie zwingen ihn nieder und fesseln ihn mit Kabelbindern an einen Baum.

          Die Polizei lässt auf sich warten. Eine weibliche Stimme spricht empört davon, dass man für „so was“ schon eine „Bürgerwehr“ brauche. Jemand filmt mit dem Smartphone. Überregionale Aufmerksamkeit bekommt der Fall, nachdem das Video online erscheint und viral geht. Es gibt einen Prozess wegen Freiheitsberaubung gegen die Männer, der gleich nach dem Auftakt eingestellt wird, unter anderem wegen „mangelnden öffentlichen Interesses“. Das sieht einer der Verteidiger, ein lokal bekannter AfD-Vertreter, anders und rühmt die Männer als Helden und Vorbilder. Ihrer Zivilcourage sei es zu verdanken, dass Mädchen und Frauen sich im Schwimmbad wieder sicherer fühlen könnten, meint er. Vor dem Gericht halten Bürger Plakate hoch. Nicht für Shabaz, sondern für die „Retter“.

          Was geschah hier wirklich, und vor allem: Wessen Wirklichkeit, wessen Deutung zählt? Zwei Jahre nach dem Ereignis greift die 10. Berlin Biennale die Vorgänge auf. Der Videokünstler Mario Pfeifer macht aus ihnen einen experimentellen Dokumentarfilm, der mit den Mitteln des Reenactments und mit Verfremdungen durch zeitliches Dehnen, durch die Einführung zweier Moderatoren, die das Geschehen kommentieren und immer wieder anhalten, durch eine zehnköpfige Beobachter-Jury Shabaz’ Erlebnis in und vor dem Netto-Markt in Arnsdorf sowohl rekonstruiert als auch ästhetisch-künstlerisch einem diskursiven Aufklärungsprozess und Zuschauer-Gerichtsverfahren übergibt.

          Was geschah genau wann?

          Als der Film „Again – Noch einmal“ entsteht, ist Shabaz bereits tot. In zunehmend verwirrtem Zustand wurde er zwischen Heimen und Psychiatrie hin und her geschoben, von seinem gerichtlich bestellten Betreuer, einem politisch aktiven AfD-Mann, wohl nur unzulänglich begleitet, verschwand er wenige Monate nach seiner Überwältigung bei eisigen Temperaturen spurlos. Seine Leiche wurde später in einem Waldstück, knapp drei Kilometer vom letzten Wohnort entfernt, zufällig gefunden. Nicht nur hier wird Mario Pfeifers Film eindeutig. Wenn ein bekannt psychisch schwer kranker Deutscher in Waldesnähe verschwunden wäre, heißt es, hätte man Helikopter mit Wärmebildkameras eingesetzt. Stattdessen schreibt man den vom Betreuer als verschwunden gemeldeten Iraker zur polizeilichen Fahndung aus.

          Insbesondere unter formalästhetischen Gesichtspunkten ist Pfeifers Dokumentation „Again – Noch einmal“ eine Mogelpackung. Er gibt vor, Darstellung zu sein, die dem Zuschauer in bester – oder schlechter – Schirach-Manier das Urteilen ganz und gar überlasse. Vieldeutigkeit der Geschehnisse gibt es hier aber eben nicht. Selbst die rein auf Information abzielende Darstellung wertet. Nicht für eine Sekunde hält es der Filmemacher, halten es die Verfremdungs-Moderatoren Dennenesch Zoudé und Mark Waschke in ihren Texten für möglich, dass am 21. Mai 2016 vor dem „Netto“ tatsächlich Zivilcourage gefragt war. Die Frage „Selbstjustiz oder Zivilcourage?“, die dem Nachspielen der Vorgänge im in einer düsteren Tiefgarage nachgebauten Supermarkt vorangestellt wird, ist eine rein rhetorische.

          Über das Unrecht, das dem unter schwerer Epilepsie und zunehmender psychotischer Belastung leidenden Shabaz zugefügt wurde, kann kein Zweifel bestehen. In den Details, im Anhalten des Ablaufs und seinem Zerlegen durch die Moderatoren steckt freilich eine aufklärerische Kraft.

          Was geschah genau wann? Welcher der Beteiligten hat die Situation erfasst und überschaut? Trieb die vier Männer eine Nebenagenda an? Bildlich wird der Vorgang ins Allgemeine gewendet: Windräderparks, dazu Voiceover-Kommentare aus soziologischen Studien, die sich mit Aspekten des „braunen Ostens“ befassen – das wirkt so abstrakt, dass von hier kein Weg zur Lebenswirklichkeit führt, Nachrichten-Archivmaterial von „Mahnwachen“ und die Aussagen der zehn Jurymitglieder mit Migrationserfahrungen, ihre Gesichter in extremen Großaufnahmen – „Again – Noch einmal“ verbindet seine Szenen zu dem Darstellungskaleidoskop, das ein gesellschaftspolitisches Bild schafft, das über den Einzelfall hinausweisen soll. Ob es für den Flüchtling Shabaz, der in Deutschland medizinische Hilfe und Sicherheit suchte, ein genaues filmisches Erinnerungsbild zeichnet, ist die Frage.

          Again – Noch einmal, 23.15 Uhr bei Arte

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