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TV-Film „9 Tage wach“ : Was uns hinabzieht

Starrer Blick: Jannik Schümann spielt Eric Stehfest in „9Tage wach“. Bild: dpa

Pro Sieben hat die Jugend des von Chrystal Meth abhängigen Schauspielers Eric Stehfest verfilmt, nach dessen titelgebendem Buch „9 Tage wach“. Auch filmisch ist das ein mutiges Auf und Ab.

          2 Min.

          Endlich! Endlich mal ein starker Beginn. Er ist zwar nur im formalen Sinne einer, denn wir sind schon mitten in der Geschichte um den drogensüchtigen Schauspieler Eric Stehfest, aber das ist egal. Der Einstieg der Pro-Sieben-Produktion „9 Tage wach“ führt vor, was eine erste, schlichte Szene leisten kann, wenn sie Neugier wecken soll, ohne das Publikum mit einer Problemfernseh-Ouvertüre vor den Kopf zu stoßen. Der junge Mann, um den es geht, sitzt – gespielt von einem hochenergetischen Jannik Schümann – verheult und kiefermahlend hinter dem Steuer. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Waffe. Er hebt langsam die Hände. Im Hintergrund singen The Moody Blues „Nights In White Satin“.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, das kennt man vielleicht schon. Und will – trotz Kitschgrenze in Sichtweite – wissen, wie es weiter geht. Wie im gesamten Film greifen Bild und Musik, Schnitt und Fluss, Klischee und Kontrast, Fragen und Antworten hier auf handwerklich wohl austarierte Weise ineinander. Diese Balance kann der Film nicht durchgängig halten, doch er findet etwas, das maßgeblich ist, wenn man eine Drogengeschichte erzählen will: einen entschlossenen Ton, der bei allem Exzess selten übersteuert.

          Auch bleibt der Film weitgehend bei seiner Hauptfigur. Eric lebt in Dresden. Crystal Meth nimmt er, seit er vierzehn Jahre alt ist. Nun er will nach Berlin, Schauspieler werden. Das ist sein Traum. Das nimmt man erst mal hin. Zu Beginn lebt er noch bei seiner Familie. Die Konstellation wird nur angedeutet: Heike Makatsch spielt Erics Löwenmutter Liane, die in zweiter Ehe mit seinem Stiefvater Tilo (Benno Fürmann) verheiratet ist. Der Zuschauer nimmt zwar teil an ihren Konflikten, erfährt aber erst Schritt für Schritt, wie die Verhältnisse im Hause Stehfest sind. Als Eric den Aufnahmebescheid der Akademie der Darstellenden Künste erhält kommt seine Freundin Anja (Peri Baumeister) mit in die Hauptstadt.

          Das ist seine Geschichte: Eric Stehfest am Rande der Dreharbeiten zu „9 Tage wach“.

          Der Witz ist, dass wirklich erst einmal alles besser wird in Berlin. Anstatt sich gleich in der Partyszene der Hauptstadt zu verlieren, wirft sich Eric in die Arbeit an der Schauspielschule, lässt sich auf den ihm zugewandten Schauspiellehrer Karl Hoffmann (Martin Brambach) ein und die Finger von den Drogen. Doch bald wird es zu schwer, all die vielen Welten miteinander in Einklang zu bringen: Seine, die von Anja, die seines in Dresden zurückgelassenen Freundes Max (Matti Schmidt-Schaller) und die der Schauspielschule, wo sie mit ihren Gefühlen arbeiten müssen „wie hochprofessionelle Handwerker“ – nicht wie „Rockstars“.

          Damian John Harper (Regie) und das Autorenteam um den echten Eric Stehfest (Fabian Wiemker, Andreas Bareiss, Damian John Harper) führen ihr Publikum in Inversionsschleifen an der Nase herum. Wann immer man meint, den Absturz, das Happy-End oder den belehrenden Epilog vorauszuahnen, springt der Film auf ein anderes Gleis. Die Kamera von Cristian Pirjol kleidet das Geschehen in Bilder, die nicht von oben auf das Drama blicken, sondern aus ihm heraus erzählen. Wer es schafft, Club-Szenen ebenso authentisch zu gestalten wie die Yoga-Stunde in der Schauspielschule, leistet Großes.

          Zum entschlossenen Ton gehört auch die Sprache. Die Dialoge versuchen nichts zu beweisen: Weder den Ort, an dem sie entstehen, noch die Heruntergerocktheit ihrer Sprecher. Allein Heike Makatsch wirkt befangen und kann sich in der Rolle der besorgten, aber verzweifelten Mutter nicht entfalten. Oft muss sie Dinge sagen, die vermutlich nicht mal den stärksten Müttern in bestimmten Situationen über die Lippen gingen.

          Der reale Eric Stehfest sagte jüngst in einem Interview, er wolle sich mit diesem Film von seinem damaligen Leben verabschieden, die Rolle des Junkies loswerden. Man wünscht ihm, dass es gelingt, hat damit jedoch gleichzeitig eine der Schwächen des Films vor Augen. Nach einem letzten Totalabsturz, bei dem auch Heroin eine Rolle spielt, wacht der Protagonist in seiner plötzlich verkommenen Junkie-Wohnung wieder auf wie aus einem Albtraum. Er kratzt die Kruste wilder Nächte von den beklebten Fenstern, als wische er sich den Schlaf aus den Augen. Der Hoffnungsschimmer, der nun in Form von Tageslicht durch die Fenster fällt, blendet. Hatte uns der Film nicht eben noch gezeigt, dass es nicht so einfach ist?

          9 Tage wach läuft am Sonntag, 20.15 Uhr (und um 23.30 Uhr), auf ProSieben. Im Anschluss läuft Dropout – Die Doku mit Eric Stehfest.

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