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Fernsehkrimi „Helen Dorn“ : Dieser Film hört sich gut an

  • -Aktualisiert am

Die Kollegen haben keine gemeinsame Richtung: Der Staatsschützer Viktor Renko (Adnan Maral) und Kommissarin Helen Dorn (Anna Loos) lassen sich nicht zusammenspannen. Bild: ZDF und Willi Weber

Als „Helen Dorn“ spielt Anna Loos die einsamste Kommissarin im deutschen Fernsehen. Und lässt sich mit dem Falschen ein. Aber vielleicht rettet sie jemanden, der wegen Mordes unschuldig im Gefängnis sitzt.

          Bombenanschlag mitten in Düsseldorf. Fünf Menschen sterben. Mittendrin im blutigen Chaos die Polizistin Helen Dorn. Nach dem Feuerball gibt es einen ohrenbetäubenden Moment der Stille, bevor ein mehrstimmiges Notfallkonzert startet. Minimal Music der Martinshörner, wie von Steve Reich komponiert, sekundengenau auf die Bilder gesetzt.

          In Helen Dorns fünftem Fall, „Gefahr im Verzug“, gibt es keine melodramatischen Geigen und kein Softpiano als Verlegenheitslösung an Stellen, an denen den Empfindungen des Zuschauers aus Mangel an sprechenden Bildern auf die Sprünge geholfen werden müsste. Stattdessen Stille da, wo sie angemessen ist.

          Chaos und Krawall bei der Razzia

          Wenn Helen Dorn (Anna Loos) und ihr Vater befangen anfangen, sich über ihr Kindheitsmuster zu unterhalten: nur Gespräch. Keine akustische Untermalung, auch dann nicht, wenn in der Eingangssequenz, die fünf Jahre vor dem Anschlag spielt, bei einer Razzia Chaos und Krawall herrschen. Meistens bemerkt man im Fernsehen den Ton, wenn er stört. Gutes Sounddesign im Samstagabend-Unterhaltungskrimi ist selten. Gerade deswegen verdient „Gefahr im Verzug“ Beachtung. Endlich einmal ein Fernsehfilm, den man anhören kann. Von Georg Schildhauer stammt der Ton, von Sebastian Pille die Musik.

          Nun ist ein Fernsehfilm kein Hörspiel, sondern in erster Linie das Ergebnis des möglichst gelungene Zusammenspiel der entsprechenden Gewerke. Davon ist dieser Krimi weit entfernt. Am Anfang muss der Drogenhändler Khalid (Murathan Muslu) mit ansehen, wie seine Frau und ein Verwandter erschossen werden, während sein Junge dabei in der Badewanne sitzt. Die Zivilfahnder der Drogenrazzia mit ihren Dienstwaffen tragen Sturmhauben, sind aber ohne weiteres zu erkennen, was den übermäßig konstruierten Plot, der nun folgt, extrem vorhersehbar macht.

          Fünf Jahre später sitzt Helen Dorn allein in der Kneipe und trinkt, ein Foto ihrer verstorbenen Mutter vor sich, bevor sie Adrian (Marcus Mittermeier) mit ins Hotel nimmt. Am Ort des Bombenanschlags sieht sie ihn wieder. Oder meint sie nur, ihn zu sehen? Eine misanthropische Gestalt wie diese Helen Dorn, der Anna Loos mit großer Uneitelkeit unsympathische, verletzliche und anrührende Züge gibt, traut sowieso allen alles zu. Augenringe, harter Blick, bittere Falten um den Mund. In „Gefahr im Verzug“ gibt es erstmals Hinweise auf Dorns Augen-zu-und-durch-Mentalität. Eine Familientragödie, über die der Vater (Ernst Stötzner) immer noch kaum reden kann. Jetzt, wo Dorns Kollege (Matthias Matschke) nicht mehr dabei ist, gewinnt Loos’ einsame Figur noch mehr Kontur und Farbe. Grauschwarze Farbe.

          Khalid sitzt inzwischen im Gefängnis wegen zweier Morde, die er nicht begangen hat. Sein Sohn, höchstens zehn, liefert Drogen aus. Während Dorns Vater es nicht über sich bringen kann, im Krankenhaus länger als unbedingt nötig bei der verletzten Tochter zu bleiben, ist für den Staatsschützer Renko (Adnan Maral) der Fall klar: ein islamistisches Terrorattentat. Ein Bekennervideo eines blassen blonden Konvertiten liegt vor. Der provoziert beim Einsatz der Beamten den Waffeneinsatz. Terrorist tot, Akte zu?

          Wie, und eben war das noch ein One-Night-Stand? Helen Dorn (Anna Loos) will Adrian (Marcus Mittermeier) verhaften.

          Helen Dorn ermittelt, dass eines der Opfer des Anschlags an der Drogenrazzia Jahre zuvor beteiligt war, Krebs im Endstadium, und Khalid im Gefängnis mehrfach besucht hatte. Operation reiner Tisch? Die Spur führt zum Einsatzleiter Mertens (Armin Rohde), dessen Frau rätselhaft leidend ist, und seiner Truppe, die der Korpsgeist zusammenschweißt. Den Rest kann sich jeder selbst erzählen. Müssten nicht zumindest Dorns Trommelfelle geplatzt sein, sie mithin für eine Weile taub? Ihr Hörsinn aber funktioniert über die gesamte Länge des Films spitzenmäßig.

          Der Fall (Buch Mathias Schnelting) wirkt neben so mancher Logiklücke arg überfrachtet, gleichzeitig durchschaubar. Praktisch jede der auftretenden Figuren hat auf tragische Weise Eltern oder Kinder verloren. Die Inszenierung (Regie Alexander Dierbach) und die Kamera (Markus Schott) interessieren sich weder für die Szene radikaler Muslime noch für Duisburg als Ort. Die Psychologie der Kommissarin bleibt interessant. Im Übrigen könnte es beeindruckender sein, die Augen zu schließen und ganz auf das Erzählpotential der klanglichen Gestaltung zu vertrauen.

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