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„Zeit der Kannibalen“ im Ersten : Mach Karriere, oder bald ist alles vorbei

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Spielen ein wenig Idylle: Fran Öllers (Devid Striesow) und Bianca März (Katharina Schüttler) beraten sich bei Bedarf auch gegenseitig. Bild: WDR/Pascal Schmit

Drei Unternehmensberater glauben, sie regierten von ihrem Hotelzimmer aus die Welt. Doch dann lernen sie das wahre Leben kennen. Es beginnt die „Zeit der Kannibalen“.

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          Ausgerechnet Hellinger ist befördert worden. Über Fran Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) hängt von sofort an das Damoklesschwert des Rauswurfs. „Up or out“ lautet die Devise in der Unternehmensberaterbranche. Entweder wird man beizeiten zum Partner befördert oder entlassen. Um Auswüchse des Kapitalismus in seiner schlimmsten Kosten-Nutzen-Form geht es in Stefan Weigls (Buch) und Johannes Nabers (Regie) vielfach mit Preisen bedachten Film „Zeit der Kannibalen“.

          Allein schon die konzentrierten, pointierten Dialoge, die den Beratersprech wiedergeben und die Verheerungen, die er für das Menschenbild der Redner bedeutet, wären einen Preis wert. Da ist kein einziges hohles denglisches Wort zufällig gesetzt. Und in der Darstellung von Striesow und Blomberg stimmt jeder verächtliche Blick, jede wegwerfende Geste, jedes herablassende Schikanieren des Hotelpersonals oder Geschäftspartners, jedes eitle Zurschaustellen körperlicher Fitness oder mentaler Überlegenheit.

          Permanenter Kriegszustand

          In der Welt dieser Unternehmensberater herrscht permanenter Kriegszustand. Stellungskrieg mit plötzlichen, nur scheinbar spontanen Ausfällen. „Open issues“ werden mit „Milestones“ attackiert, die das „Backoffice“ umgehend zu schicken hat. Man selbst ist der Nabel der Welt, die Nabelschnur die moderne Kommunikationstechnik, die eigene Bedeutung ist gar nicht zu überschätzen. Und dann dieser Hellinger. Jetzt wird es erst einmal nichts für Öllers mit der Luxusvilla. Die Exponate der Makler kann seine Frau getrost vergessen. Für Niederländer geht es eher um den Schlag fürs Ego. Dann will er wenigstens der Schönste sein. Jünger, fitter, brillanter als alle anderen. Die Karrierelage wird kritisch. Aber es kommt noch viel schlimmer.

          Selbstherrlichkeit kommt vor dem Fall: Öllers (Devid Striesow, links), Niederländer (Sebastian Blomberg) und März (Katharina Schüttler) machen gewinnbringende Miene.

          Denn als Ersatz für Hellinger kommt Bianca März (Katharina Schüttler) in das Luxushotel, von dem aus Öllers und Niederländer die Welt zu regieren meinen. Sie ist nicht ganz so zynisch wie der eine und nicht ganz so selbstverliebt wie der andere. Sie schlägt sogar vor, die künstliche Welt des Luxushotels in Lagos, Nigeria, zu verlassen, um draußen essen zu gehen. Dann soll sie doch gleich für eine NGO arbeiten, finden die Kollegen. Dass ihre Welt, in der es nichtoptimierte und optimierte Unternehmen gibt und sonst nichts, eine vollkommen künstliche ist, hat sich noch nicht herumgesprochen.

          Drehbuchautor Weigl, Regisseur Naber sowie die Bildgestaltung von Pascal Schmit betonen die konstruierte Künstlichkeit, indem sie ihr Drei-Personen-Kammerspiel der Selbstzerfleischung fast ausschließlich in Hotelzimmern spielen lassen, die überall auf der Welt gleich aussehen und von ähnlich konditioniertem Roomservice aufgesucht werden. Öllers, Niederländer und März essen in diesen Räumen, schlafen, empfangen ihre Geschäftspartner, um sie auf Unzulänglichkeiten hinzuweisen, bezahlen das Zimmermädchen für Gelegenheitssex, ja, fahren selbst Fahrrad im Zimmer. Vor dem Fenster: Pappkartons.

          „Zeit der Kannibalen“ ist ein Film, bei dem man die Luft anhält, um kein Wort zu verpassen. Gerade durch die abstrakt gestaltete Szenerie wirkt die Abwärtsspirale der Bedrohung, die der Film in Szene setzt, umso heftiger. Nahezu perfekt geht er mit seiner Dramaturgie der Spannung um. Hellinger kommt nicht nur nicht, er stürzt sich sogar aus dem Fenster. Unbegreiflich, wo er doch gerade erst befördert worden ist. März hat die Aufgabe, ihre Kollegen zu evaluieren. Nach rhetorischem Zögern baut jeder seine Schützengräben. Menschenfresser, die sich Spitzengardinen ins Fenster hängen. „Window dressing“ im Beraterjargon.

          Ad hoc wird die Firma verkauft. Die Existenzangst folgt der Erleichterung. John, der neue Managing Director, bietet allen drei Partnerverträge an. Dass sie damit nach allen Regeln der Big-Business-Taktik gelinkt werden, geht den Männern erst später auf. Die Frau hat es zwar geahnt, sie hat dem Täuschungsspiel aber wenig entgegenzusetzen. Dann bricht die wahre Existenzangst in die Kunstwelt des Beratertunnelblicks ein. Taliban greifen das Hotel an. Man hört sie, man hört Schreie, Schüsse, Granatenexplosionen. Aus den drei Großkotzen wird ein zitterndes Bündel nackter Panik ohne Businessplan. Sie kauern sich hinter das Bett. Erst jetzt schaut die Kamera ihnen direkt und von nahem ins Gesicht.

          Gewöhnlich möchte man so etwas nicht sehen. Hier aber scheint es, dass diejenigen, denen Mitmenschlichkeit und Rücksichtnahme als nutzloses Kapital der Schwachen gelten, das Mitgefühl des Zuschauers derart strapaziert haben, dass man ihnen eher teilnahmslos zuschaut. Mit diesem sehenswerten Film eröffnet die ARD in diesem Sommer ihre Reihe „Filmdebüt im Ersten“.

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