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ARD-Fernsehfilm „Wunschkinder“ : Sie wollen Eltern sein

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Traum erfüllt? Im Fernsehfilm „Wunschkinder“ halten Peter (Godehard Giese) und Marie (Victoria Mayer) Nina (Urszula) im Arm. Bild: WDR/Alexander Fischerkoesen

Bilder, die Raum zum Sehen geben, Szenen und Dialoge, die Platz zum Selberdenken lassen: Der Fernsehfilm „Wunschkinder“ begleitet ein Paar mit Nachwuchssorgen – vom Arzt bis ins russische Kinderheim.

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          Wer kein Kind kriegt, der macht sich eben eins: Die Nachrichten aus dem Reich der Fortpflanzungsforschung sind hinreißend optimistisch, manchen sind sie aber nicht geheuer. Mit ihrer „Dresdner Rede“ sorgte Sibylle Lewitscharoff 2014 für einen Eklat, als sie das „biblische Onanieverbot“ pries, sich gegen künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft wandte und von den so entstandenen Kindern als „zweifelhaften“ Geschöpfen sprach.

          Zwei Haltungen bestimmen die Debatte: die mechanistische, nicht selten feministisch überhöht - „Freiheit durch Egg-Freezing“ -, und die erzkonservative. Fernsehfilme, die sich mit dem Thema beschäftigen, und davon gibt es inzwischen einige, setzen für gewöhnlich bodenständiger, bei den Protagonisten des Verfahrens, an. Sie stellen die Belastung, die die In-vitro-Fertilisation bedeutet, die Kosten, den Erwartungsdruck, die Verteidigungsstellung der Paare in den Mittelpunkt. Eines lassen sie sich nie nehmen: das dramatische Potential des Themas.

          Ein verständlicher Wunsch

          Anders macht es der Film „Wunschkinder“ von Emily Atef. Sachlich, gerade dadurch nah an den Figuren, immer mit einer gewissen Distanz, die sich dem Respekt vor den individuellen Lebensentscheidungen des gezeigten Ehepaars verdankt, schildert er den Weg bis zur fast letzten Chance, der Adoption. Und noch weiter zur (legalen) Auslandsadoption, ihren Hürden und Schwierigkeiten. Das präzise Drehbuch von Dorothee Schön („Der letzte schöne Tag“, „Frau Böhm sagt nein“) vermeidet Klischees ebenso wie die fast dokumentarische Kameraarbeit Alexander Fischerkoesens. Bilder, die Raum zum Sehen geben, Szenen und Dialoge, die Platz zum Selberdenken lassen, begleiten Marie (Victoria Mayer) und Peter Meisner (Godehard Giese) auf ihrem vielleicht vergeblichen Weg zum Wunschkind. Atefs Inszenierung überhöht nicht, sie beschönigt nicht, vor allem aber verbietet sie sich jede Überdramatisierung. „Wunschkinder“ verzichtet auf alle, auch die emotionalen, Übertreibungen, die künstliche Befruchtung und nichtbiologische Elternschaft in der öffentlichen Wahrnehmung begleiten.

          Als der Arzt eingangs bei der endlich schwanger gewordenen Marie beim Ultraschall nur eine leere Fruchthöhle entdeckt, ist die bittere Enttäuschung des Paares mit Händen zu greifen. Der Mediziner findet es toll, dass sie überhaupt so weit gekommen sind. Darüber könne man sich doch schon mal freuen. Diese Szene setzt den Ton. Es geht um individuelle Perspektiven. Einmal noch, bittet Marie. Peter sorgt sich. Einmal noch Spritzen, Punktion unter Vollnarkose, Samenspende mit Pornoheft, Verpflanzung. Jeder kommt aus seinem Behandlungszimmer: Wie ist es gelaufen? Fehlgeburt. Peters väterlicher Chef (Ernst Stötzner) tröstet vergeblich. Kurz und knapp handelt der Film diese und andere Stationen ab. Mehr teilnehmende Projektbegleitung als herzzerreißende Martyriumsschilderung. Marie und Peter sind, so wie man sie nach und nach kennenlernt, keine selbstbezogenen Hedonisten. Ihren Kinderwunsch denunziert der Film nicht, er macht ihn verständlich. Ein im Jugendamt zufällig getroffenes anderes Paar (Silke Bodenbender, Arnd Klawitter) streift das Leben der beiden nur. Diese wollen ihr Kinderglück in Thailand versuchen. Ihre Beziehung wird das Vorhaben nicht überleben.

          Er spielt nicht mit Gefühlen, aber sie sind da

          Bei Marie und Peter dagegen läuft alles anders als erwartet. Sie entfremden sich, als der erste Versuch der Adoption eines russischen Mädchens durch bürokratische Entscheidungen verhindert wird. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes, Frau Wallner (Ruth Reinecke), erweist sich als unsentimental, aber hilfreich. Sie insistiert, als es um die Bereitschaft geht, ein behindertes Kind zu adoptieren. Wie behindert darf es sein? Verhaltensgestört? Traumatisiert? Alkoholabhängig geboren? Die im Kinderheim in Russland gezeigten Babys und Kleinkinder werden kaum verniedlicht. Auch Armutsromantisierung findet nicht statt. Der Kampf um das Kind Nina, die Berufungsverhandlung vor einem zentralen russischen Gericht, berührt unmittelbar.

          Man konnte inzwischen herausfinden, was Marie und Peter antreibt und dass man sich kaum bessere Eltern wünschen könnte für dieses Kind. Emily Atef ist ein erstaunlicher Film über In-Vitro-Fertilisation und Adoption gelungen, der nicht polarisiert, nicht mit den Gefühlen des Zuschauers spielt und trotzdem alles erdenklich Gute wünschen lässt.

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