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ZDF-Film „Schlaflos in Istanbul“ : Am Bosporus haben sie tolle Dachterrassen

  • -Aktualisiert am

Deutscher Mann (Tim Bergmann) und Deutschtürkin (Jasmin Gerat) lieben sich. Alles ist gut - bis auf Pleite, Schwangerschaft und den strengen Vater Bild: Gordon Muehle

Auch Klischeekomödien liefern Erkenntnisse: der ZDF-Film „Schlaflos in Istanbul“ führt vor Augen, warum Spielfilme nur bedingt dafür geeignet sind, gesellschaftliche Debatten auszutragen.

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          Wenn man zurzeit einen der abendlichen Spielfilme aus öffentlich-rechtlicher Eigenproduktion einschaltet, stehen die Chancen immer gut, dass man aktuelle Debattenstoffe als kitschig verbrämte Dramatisierung serviert bekommt - und zwar längst nicht nur im dafür schon berüchtigten „Tatort“. Erst gestern zeigte das Erste mit „Die Freischwimmerin“ eine fiktionalisierte Form der Burkini- und Kopftuchdebatte, ausnahmsweise mal ohne anschließende Talkshow zum Thema.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur einen Abend später beschert uns das ZDF die Integrationsdebatte als etwas leichtere Kost: Deutscher Mann und Deutschtürkin lieben sich in Berlin, und alles könnte gut sein, wäre da nur nicht die überraschende Pleite des Mannes, die ungewollte Schwangerschaft der Frau und der strenge türkische Vater in Istanbul, der die Liaison nicht duldet.

          Zwischen Bildklischees tapfer Richtung Ende

          So ist man bereits nach wenigen Minuten bei der gefühlt hundertsten Version jener Szene, in der ein deutscher Mann bei der türkischen Familie seiner Freundin vorspricht, aber auf Ablehnung stößt. „Kartoffel“ nennt der Vater Ekrem (Tayfun Bademsoy) den etwas vertrottelten Jakob (Tim Bergmann), den er ungern zum Schwiegersohn hätte und deshalb mit allen Mitteln die Hochzeit zu verhindern sucht: Standardrepertoire der Multikulti-Komödie, sattsam bekannt aus Filmen, bei denen inzwischen schon die Titel nerven, etwa „Einmal Hans mit scharfer Soße“.

          „Schlaflos in Istanbul“ ist selbst schon die Fortsetzung einer solchen Komödie, der erste Teil hieß „Liebeskuss am Bosporus“. Und auch im nächsten Teil der Geschichte gibt es wieder ziemlich traumhafte Bilder dieser Meerenge zu sehen. In Istanbul scheint offenbar jeder eine wunderbare Dachterrasse zu besitzen, und die Sonne scheint. Aber auch Berlin zeigt sich natürlich nur von seiner schönsten Seite. Die Protagonistin Didem (Jasmin Gerat) trägt inzwischen die Haare kurz geschnitten, was ihrem Part als „resolute Modedesignerin“ entgegenkommt.

          Protagonistin Didem (Jasmin Gerat) trägt inzwischen die Haare kurz geschnitten, was ihrem Part als „resolute Modedesignerin“ entgegenkommt.

          Während der Vater sie doch noch mit einem türkischen Geschäftsmann zu verkuppeln sucht, irrt der arme Jakob auf touristischen Routen durch Istanbul und muss sogar ins Gefängnis. Dort macht er aber glücklicherweise Bekanntschaft mit freundlichen türkischen Hip-Hop-Musikern, die ihn - wo wohl - auf ihrer wunderbaren Dachterrasse beherbergen.

          Mit ihrer Unterstützung und der Hilfe von Jakobs deutschem Kumpel Frank (Waldemar Kobus), der fast nur im Unterhemd zu sehen ist, kämpft Marcus Ulbrichts Film sich zwischen lauter Bildklischees tapfer Richtung Ende vor, an dem, auch dank eines pädagogischen Statements von Didems Mutter, eine klare Erkenntnis steht: Heiraten darf man wirklich nur aus Liebe.

          Was das klamaukige Drehbuch von Katrin Milhahn an Qualität nicht hergibt, wird durch hübsche Modebilder und weitgehend auch hübsche Darsteller gelegentlich wettgemacht. Aber abgesehen davon, dass solches Gutmenschen-Fernsehen doch ziemlich viel von der gesellschaftlichen Realität ausblendet und zudem auch für Schauspieler bis auf die Bezahlung unerfreulich sein dürfte, lenkt jeder weitere Film dieser Art doch den Blick näher auf ein ästhetisches Problem, das im Fernsehen immer virulenter wird: Spielfilme sollten nicht in erster Linie nur zur Illustration von gesellschaftlichen Debattenthemen dienen, und ihr wichtigstes Anliegen sollte ein künstlerisches sein.

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