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„Käthe Kruse“ im Ersten : Als die Puppenkönigin kämpfen musste

  • -Aktualisiert am

Ausgelassen: Käthe Kruse (Friederike Becht) und ihr Mann Max (Fritz Karl) Bild: ARD Degeto/Rich and Famous Overnight Film/Jens Hausprung

Die ARD hat das Leben von Käthe Kruse verfilmt. Leider verpasst der durchgewienerte Nostalgiestreifen zu erzählen, wie sich die Rolle der Frau und der Blick auf das Kind zu verändern begannen.

          Es ist nicht zwingend geboten, den Lebensweg eines im Kaiserreich geborenen Deutschen immer bis in die Jahre des Nationalsozialismus oder die Nachkriegsjahre nachzuzeichnen. Das hängt von der individuellen Biographie ab, und womöglich hat sich auch Käthe Kruse nur angepasst und geschaut, wie man durchkommt, als sie in der NS-Zeit Puppen wie „Friedebald als SA-Mann“ zu produzieren begann.

          Jedenfalls ist es reizvoll, dass der Spielfilm „Käthe Kruse“, der an diesem Karsamstag läuft, die Erfolgsgeschichte einer Frau aus einfachsten Verhältnissen auf ein Schlüsselereignis ihrer Biographie in den zwanziger Jahren zuschnurren lässt: den Prozess gegen Bing, einen Spielwarenhersteller, der Kruses Geschäft mit billigen Imitaten ihrer Puppen bedrängte.

          Der Ausgang des Gerichtsverfahrens im Jahr 1925 war für die Unternehmensgeschichte entscheidend. Und sein Aufzug ist es, der die Herausforderungen verdeutlicht, vor die sich eine Gründerin damals gestellt sah - ohne die Unterschrift ihres Ehemannes hätte Käthe Kruse den Prozess gar nicht aufnehmen können, ja womöglich gewann sie ihn nur, raunt der Film, weil hinter ihr ein leidenschaftlicher Mann stand.

          Bioszenen im Biopic

          Das mit der Leidenschaft Max Kruses ist allerdings so ein Ding. Der Bildhauer, der mit dem „Siegerboten von Marathon“ bekannt geworden war, mag den freien Max markieren, als er die Schauspielerin Katharina Simon im Berliner Nachtleben trifft. In der Filmversion, die es mit Details nicht ganz so streng zu halten scheint, stolpern die beiden nach Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ übereinander, wo Käthe die Kindsmörderin gab, es wird Absinth verschüttet, der Künstler vernarrt sich in Käthes Püppchengesicht. Dennoch wird ihm die junge Frau trotz aller progressiven Sprüche zur Last, so dass er sie mitsamt den gemeinsamen Kindern erst mal in die Ferne abschiebt - heiraten werden sie erst Jahre später.

          In der Abgeschiedenheit des Schweizer „Wahrheitsberges“, umgeben von Nackten, Vegetariern und Lebensreformern (das sind die Bioszenen im Biopic), ist Katharina die Schauspielerei endgültig los. Immerhin aber verkauft sie, während sie die Tage mit ihrer Mutter und einem Anwalt verbringt, der sich zum Künstler berufen fühlt, plötzlich Schmusepuppen wie jene, die sie aus einfachsten Mitteln für ihr Töchterchen näht.

          Handarbeit gegen Maschinenproduktion

          Der gewiefte Zuschauer ahnt, dass das der Beginn der Firmengeschichte ist, mit der Käthe Kruse zur „berühmtesten Frau Deutschlands“ aufsteigt. Diese Story nimmt Fahrt auf, als Kruse ihre Puppen 1910 bei einer Spielzeugausstellung im Berliner Warenhaus Tietz ausstellen darf, das einem ihrer Freunde gehört.

          Dabei versucht sich Sharon von Wietersheim, die das Drehbuch für „Käthe Kruse“ schrieb, an einem Spagat: Auf der einen Seite will sie die ambivalente Beziehung der immer eigenständiger agierenden Käthe zum alternden Gatten ausleuchten. Auf der anderen muss sie berichten, wie sich das erfolglose Werben der Spielwarenfabrik Bing um eine Kooperation zu einem Konkurrenzkampf auswächst, der nach dem Weltkrieg („Jeder Stoß ein Franzos’, jeder Schuss, ein Russ’“, skandiert ein Soldatentrüpplein, als der Krieg ausbricht) vor Gericht geklärt werden muss. Handarbeit gegen Maschinenproduktion, David gegen Goliath, Frau gegen Mann.

          Ein Schluss, der uns seltsam kalt lässt

          Das hätte ein tolles Finale werden können, weil Franziska Buch bei der Umsetzung auf charmantes Filmpersonal zurückgreifen durfte wie Friederike Becht, die schon die junge Hannah Arendt mimte und Käthe nun mit Trotz und Sehnsucht im Blick spielt; oder Fritz Karl, dem der Künstlerbart Max Kruses hervorragend steht. Die Szene im Leipziger Gerichtssaal ist als der Moment angelegt, an dem alle Stränge der Geschichte endgültig verknüpft sind und die Frage aufkommt, was banales Spielzeug ist und was „Schönheit pur“ mit Wärme, wie Max Kruse sagt.

          Doch gerade der Schluss lässt uns seltsam kalt, so als hätten sie nur nach Zahlen gemalt. Das färbt rückblickend auf den ganzen Film ab: Vielleicht hätte der durchgewienerte Nostalgiestreifen „Käthe Kruse“ einfach mehr Zeit gebraucht, um uns für die Jahre zu begeistern, in denen sich nicht nur die Rolle der Frau, sondern auch der Blick auf das Kind zu verändern begann.

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