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Fernsehfilm „Ich will dich“ : Die Frau an ihrer Seite

Herbstzeitlose: Marie (Ina Weisse, links) und Ayla (Erika Maroszan) träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Bild: WDR/Conny Klein

In „Ich will Dich“ haben die Ehemänner ausgedient. Doch das erklärt die Anziehung zwischen ihren Frauen noch nicht ganz. Das Erste zeigt den Fernsehfilm an diesem Mittwochabend.

          2 Min.

          „Wer bist du?“, wirft Bernd (Ulrich Noethen) seiner Ehefrau Marie (Ina Weisse) an den Kopf, als sich der Abgrund zwischen ihnen auftut und das ganze Gebäude aus Lügen und Heimlichkeiten auseinanderzubrechen droht und die Familie dazu. Weil Marie eine Frau liebt. Es ist Weihnachten, der Heilige Abend des Architektenpaares endete im Eklat, nun versucht Marie sich tastend an einer Erklärung: Sie habe in einer Parallelwelt gelebt. Es sei einfach passiert. Sie begreife es selbst nicht. Später will sie von ihrem Vater wissen: „Kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben?“ Worauf er antwortet: Das sei hier nicht die Frage. Aber was dann?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass Rainer Kaufmanns Film „Ich will dich“ daraus lange ein Geheimnis macht, ist eine seiner größten Stärken. Geht es um eine späte Ich-Findung? Die Macht unerwarteten Begehrens? Eine Frau, die durchdreht? Gedemütigte Männer? Teenagerkinder, die ihre Eltern in den gewohnten Rollen verlieren? Geht es darum, mit reichlich Verspätung eine öffentlich-rechtliche Version von „Brokeback Mountain“ zu zeigen, weil die Ausdeutung verschiedener sexueller Identitäten im Fernsehen gerade en vogue ist? Doch so kompliziert ist es gar nicht. Im Grunde stellt das Drama um Marie und Ayla (Erika Marozsán) die alte Frage nach der Lebbarkeit des romantischen Liebesideals.

          „Ich bin nicht lesbisch, falls du das meinst“, sagt Marie zu Ayla, auf dass es ja nicht zu einem zweiten Kuss komme. „Ich auch nicht“, entgegnet die andere. So weit, so unklar. Beide Frauen leben in festen Partnerschaften mit Männern, sind aber von Beginn an miteinander verbunden. Aylas Verlobter Dom (Marc Hosemann) war Maries erste Liebe. Die Architektin ist wenig angetan, als er mit seiner Neuen ins Nachbarhaus zieht. Doch rasch wird aus der anfänglichen Irritation über Aylas kapriziöse Art etwas wie eine Sucht. Die Affäre beginnt, kaum sind die Frauen einen Moment allein, und pendelt von nun an bis zum Finale zwischen Anziehung und Abstoßung, Rückzug und Verfolgung.

          In seinem Drehbuch zeichnet Jürgen Schlagenhof eine Familienaufstellung mit Figuren, die keinen festen Standort haben, sondern in einem Dazwischen verharren. Oder einfach alles haben wollen, statt sich zu entscheiden. Ayla heiratet und wird schwanger, Marie hält an Bernd fest, obwohl der mit einer Angestellten schläft, und die halbwüchsigen Kinder sind ohnehin in einem Niemandsland unterwegs. Alle Beziehungen sind liebevoll, Marie versteigt sich zu der Idee, ein gemeinsames Haus für alle zu bauen, in Schneckenhausform.

          Eine Schnecke war auch über das Buchenblatt gekrochen, unter dem sich der Ring versteckte, den Ayla und Marie gemeinsam im Wald wiedergefunden haben. Das sollte der magische Moment ihres Kennenlernens sein - und geriet zu einem der vielen Kitschmomente des Films. Um den emotionalen Ausnahmezustand sinnfällig zu machen, der unter der unberührt wirkenden Oberfläche ausbricht, vertraut Rainer Kaufmann allzu oft nicht seinen Schauspielern - zu Unrecht, denn ohne Ina Weisses bravouröses Spiel bräche „Ich will dich“ augenblicklich in sich zusammen -, sondern drückt visuell und akustisch auf die Tube.

          Familientreffen mit Überraschungen: Ayla und Marie kommen sich näher.

          Wenn die Braut in Zeitlupe durchs Bild schwebt, der gefühlte hundertste Ballhaus-Kreisel (Kamera: Klaus Eichhammer) um die Protagonistinnen aus der durchgestylten Welt des gehobenen Bürgertums schwirrt und gezupfte, orientalisch angehauchte Musik (Verena Marisa) innere Berückung anzeigt, ist das in den meisten Fällen zu viel des Guten. Das gilt auch für Drehbucheinfälle wie die lesbische Freundin des Sohnes. Der Film gelingt da, wo er den Figuren und ihren trotz der konventionellen Auflösung bis zum Schluss rätselhaften Motiven Raum lässt.

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