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Film „Hausbau mit Hindernissen“ : Operation Eigenheim

  • -Aktualisiert am

Landidylle pur: Vater Martin (Hans Löw), Mutter Karla (Katharina Schüttler), Sohn Mats (Arne Wichert) und Tochter Finja (Lili Ray) beim Frühstück. Bild: ARD/Boris Laewen

Stadt, Land, Frust: Im Ersten geht es um einen „Hausbau mit Hindernissen“, der darauf aufmerksam macht, dass Wohnen natürlicherweise ein Mehrgenerationenprojekt ist. Eher romantisches Märchen als Pointenfeuerwerk.

          Dass sich die deutsche Fernsehfiktion vor dem Déjà-vu fürchtet, würde wohl niemand ernsthaft behaupten, aber an manchen Abenden ist der Wiedererkennungswert so hoch, dass man die Sache am besten sportlich nimmt. In diesem Fall geht der Pokal klar an den Herausforderer: an die neue Häuslerenovierkomödie der ARD nach einem Buch von Sarah Esser, die in Plot und Szenerie zwar dem vor einem Jahr ausgestrahlten ZDF-Film „Handwerker und andere Katastrophen“ (Buch Stefan Kuhlmann) zum Verwechseln ähnelt, im Detail aber doch fast alles besser macht. Man kann das schon daran erkennen, dass die Fäkaliendusche des männlichen Hauptdarstellers – das verstopfte Abflussrohr ist der ultimative Renovierungswitz – hier erst im zweiten Teil des Films stattfindet (Hans Löw alias Martin trägt es mit Fassung), während Oliver Mommsen beim ZDF bereits nach sieben Minuten das Vergnügen hatte.

          Leiser und sensibler geht es beim „Hausbau mit Hindernissen“ auch sonst zu, einem Wohlfühlfilm, der eher romantisches Märchen als Pointenfeuerwerk sein will. Er handelt gar nicht so unintelligent vom eher zufälligen Sesshaftwerden entmieteter Großstadtnomaden, vom Umgang mit Überforderung sowie von Vorurteilen und ihrem Abbau angesichts zweier schrulliger Nachbarn. Wir wissen schließlich, dass Märchenunholde oft bloß auf Erlösung warten, Tochter Finja (Lilli Ray) erklärt es auch noch einmal ganz direkt. Gelungen lebensnah sind die perfekt besetzten Hauptfiguren: Martin, dem als Fliesenleger sogar im Wortsinne bodenständigen Realisten, steht die leicht verträumte, in ihrem Glücksvertrauen starke Krankenschwester Karla (Katharina Schüttler) an der Seite. Sie ist die treibende Kraft hinter der Entscheidung, ein halbfertiges Haus zu ersteigern, obwohl die Kaufsumme den Maximalkredit der Bank auffrisst: „Ein Abenteuer!“

          Zwischen Zusammenhalt und modernem Stoizismus

          Dann beginnt der übliche Ausnahmezustand: Der vermeintlich hochwertige Rohbau erweist sich als Ruine, die Handwerker haben die Ruhe weg (Gast-Installateur Olli Schulz darf lustige Sprüche klopfen), die Kosten laufen aus dem Ruder, und Sohn Mats (Arne Wichert) leidet in der neuen Schule. Bald gehen die keineswegs arbeitsscheuen Seewalds so sehr auf dem Zahnfleisch, dass Karla folgenschwer ihren Job vernachlässigt und Martin zu verzweifeln beginnt. Als er aber, selbst lädiert im Krankenhaus liegend, seine Frau in Gefahr wähnt, macht er sich als humpelnder Ritter auf den Weg: „Ich bin gekommen, um dich zu retten.“ Das ist nicht lächerlich, sondern berührend. Statt wie die Sat.1-Renovierkomödie „Schlimmer geht immer“ auf billigen Heimwerkerhumor oder wie das ZDF auf einen lustig übersteigerten Ehekonflikt abzuzielen, konzentriert sich dieser seelenruhige Familienfilm auf den Zusammenhalt und modernen Stoizismus: Egal, wie groß der Problemberg sein mag, man bezwingt ihn durch das Lösen des jeweils nächstliegenden Problems.

          Dass man sich das trotz aller Vorhersehbarkeit und der etwas schlichten Ausgestaltung der beiden bald schon mit den Kindern verbündeten Nachbarn – sowohl Ziegenopa Rufus (Peter Franke) als auch Vampiroma Lisbeth (Angela Winkler) haben Traumatisches erlebt, aber übergroße Herzen – bis zum folgerichtigen Happy End gern ansieht, liegt daran, dass es der Erzählung gelingt, emotional, aber nicht kitschig zu sein. Die Figuren halten sich bei den Gefühlen sogar eher zurück. Regisseur Franzen und sein Kameramann Timo Moritz (das Gespann war für die ästhetisch starke Provinz-Mystery-Serie „Weinberg“ verantwortlich) drücken die grundoptimistische Stimmung eher durch blühende Landschaften und traumhafte Sommerbilder aus, die im Kontrast zu den wenigen dunklen, kühlen Zonen der Erzählung stehen, der Wohnung der Nachbarin etwa. Der Kraft der Sonne aber kann hier niemand lange widerstehen: eine Wärmelehre des Sozialen.

          Es war überdies richtig, aus Rufus keinen Boo Radley zu machen, jenen mysteriösen Nachbarn aus „Wer die Nachtigall stört“, sondern es betont undramatisch bei einem vom Schicksal Angeknacksten zu belassen. Dass sich ein Film so leicht an ein ganz und gar gewöhnliches Thema traut, dass er sich in keine seiner Ideen hineinsteigert, ist ungewöhnlich. Eine gewisse Sentimentalität des Finales lässt sich nicht leugnen. Mit Weihnachten in Sichtweite mag ein Das-Leben-ist-schön-Film aber wohl angehen, wenn er ästhetisch so rund ist und in Zeiten der Zersplitterung behutsam darauf aufmerksam macht, dass Wohnen natürlicherweise ein Mehrgenerationenprojekt ist, bei dem alle Beteiligten einander viel zu geben haben.

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