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„Für eine Nacht“ im Ersten : Zwei, die sich finden

Da tut sich was: Marc Benjamin und Juliane Köhler spielen ein doch recht ungleiches Paar. Bild: ARD Degeto/Hendrik Heiden

Sie könnte seine große Schwester sein: Im ARD-Film „Für eine Nacht... und immer?“ lässt sich eine ältere Frau auf einen jüngeren Mann ein. Andersherum wäre das noch längst kein Erzählstoff. Ist es also Kitsch?

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          Sie begegnen sich zum ersten Mal auf einer Zugfahrt nach Slowenien. Beide sind geschäftlich unterwegs, sie ist Wissenschaftlerin, er gewinnt oder verliert sein Geld als Pokerspieler. Sie kommen ins Gespräch, ohne miteinander zu flirten. Das tun sie erst später an der Hotelbar, wo sie sich zufällig wiederbegegnen. Dann schlafen sie miteinander, so weit nichts Ungewöhnliches, obwohl Eva (Juliane Köhler) zu Hause in München einen Lebenspartner hat, wie man das in ihrem Alter nennt.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eva ist Mitte vierzig. Tom (Marc Benjamin) könnte ihr kleiner Bruder sein, er ist Anfang zwanzig. Während sein Gesicht nach einer durchzechten Nacht wenige Regenerationsstunden benötigt, um wieder jugendlich frisch zu strahlen, braucht das von Juliane selbst nach einer geruhsamen Nacht Make-up und Rouge. Die Abenteuerlust, die in Tom brennt, lodert in Juliane nur noch auf kleiner Flamme. „In meinem Alter redet man mit Männern eher über Bandscheibenvorfälle“, sagt sie und ist selbst peinlich berührt. Den One-Night-Stand verbucht sie als aufregenden Ausrutscher, willkommen zwar, da die Avancen und Komplimente eines so gutaussehenden jungen Mannes ihr schmeicheln, aber ohne Zukunftschancen.

          „Für eine Nacht...und immer?“ (Regie Sibylle Tafel) heißt dieser Film, der eine für unsere Wahrnehmung nach wie vor irritierende Konstellation in Szene setzt: Ältere Frau liebt jüngeren Mann. Die Dame nimmt sich einen Toy Boy und berauscht sich an der Sexualität, solange sie ihre Eroberung halten kann: ein gefundenes Fressen für jene, denen gesellschaftliche Konventionen wichtiger sind als Gefühle. „Abartig“, nennt Evas Tochter Leonie (Alice Dwyer) die Liaison ihrer Mutter. „Mensch, Eva, jetzt mach doch mal die Augen auf!“, poltert der grauhaarige Hajo (Dominic Raacke), unter dessen Hemd sich ein Bäuchlein wölbt. Er ist ihr Chef und früherer Lebenspartner, den Eva für Tom kurzerhand verlassen hat.

          Die Macht der Scham

          Tom liebt Eva und umgekehrt. Aber offenbar reicht das nicht für eine glückliche Beziehung. Die taxierenden Blicke des Umfelds, das Getuschel, die Lästereien, die Skepsis Außenstehender, die das Paar schlicht lächerlich finden, das alles belastet die Liebe. Was bei Tom Schulterzucken auslöst, beschämt Eva. Er steht öffentlich zu ihr, aber sie nicht zu ihm. Wirklich entspannt ist es zwischen beiden immer dann, wenn sie zu zweit sind in ihrem Haus, das gleichzeitig ihr Bollwerk gegen Vorurteile ist. Wäre Tom deutlich älter als Eva, würde zwar immer noch getuschelt: „Sugar Daddy“ mit junger Geliebter. Trotzdem genießt diese Paar-Konstellation anscheinend immer noch größere Akzeptanz.

          Das Melodram arbeitet mit Zeitsprüngen und beleuchtet insgesamt zehn Jahre im Leben von Eva und Tom. Zehn Jahre, in denen einerseits viel und andererseits gar nichts passiert. Juliane Köhler verleiht Eva die Ausstrahlung einer Frau, die nur darauf zu warten scheint, dass sich die Prophezeiungen ihres Umfelds bewahrheiten. Als würde sie das Unglück herbeisehnen. Marc Benjamin verleiht Toms Zuneigung zu Eva Glaubwürdigkeit. Sie harmonieren als Paar.

          Sibylle Tafel hat einen Film über die Liebe gedreht, aber ebenso einen über die Macht der Scham. Der Titel „Für eine Nacht...und immer?“ ließ schlimmsten Kitsch befürchten. Was für ein Irrtum.

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