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„Ferien vom Leben“ im ZDF : Frau vom Land auf Achse

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Gemeinsam entzweit: Lilos (Hannelore Elsner, rechts) und Caros (Marie Bäumer) Beziehung zueinander liegt schon seit Jahren im Argen. Bild: ZDF/Volker Roloff

Mit „Ferien vom Leben“ wärmt das ZDF ein altbewärtes Rezept aus der Fernsehküche wieder auf, das den Zuschauer kalt lässt – und Hannelore Elsner grandios fehlbesetzt.

          Mutterliebe? Fehlanzeige. Die ehemalige Apfelbäuerin aus dem Alten Land, Lilo Rosenberg (Hannelore Elsner), schenkt ihrer entfremdeten Tochter Caro (Marie Bäumer) nichts: „Du bist die Frau, die hysterisch durch ihr Leben rennt und wenig aus ihren Begabungen gemacht hat.“ Die Verbitterung gilt auch umgekehrt. Und ist erweiterbar auf die gesamte Familie, die keine Ahnung hat, was sie verbindet (verschüttete Liebe und gemeinsame, auch dunkle Vergangenheit), bis ihr der heimwehkranke Exiliraner Sami (Navid Navid), der per Lkw ganz Europa mit Gemüse, Rosen und orientalisch-blumigen Lebensweisheiten versorgt, die Leviten liest.

          „Ferien vom Leben“ (Regie Sophie Allet-Coche, Buch Kerstin Schütze, Kamera Stephan Wagner) dekliniert ein Spielfilmszenario durch, das man ähnlich oft schon gesehen hat. Mit immer derselben, zugegeben dankbaren Rolle für ausdrucksstarke Schauspielerinnen (Hannelore Hoger, Christiane Hörbiger und eben Hannelore Elsner). Eine unbequeme Alte (schräge Großmutter, Diva, Künstlerin, irgendwie unangepasste Frau) erfährt, dass ihre Lebenszeit durch einen Gehirntumor oder eine fortschreitende Demenz bald vorbei ist. Statt ins Pflegeheim begibt sie sich auf die Straße (womit ein Roadmovie beginnt) oder in eine Studenten-WG, wo man die lustige Tolerante gibt und wenigstens von den Jungen Respekt bekommt, oder haut sonst wohin ab, damit die Entfremdeten zur Versöhnung nachkommen können. Ziel: noch einmal leben aus dem Vollen oder alte Rechnungen begleichen oder ein gefühlvolles Vermächtnis hinterlassen. Das geht auch in der männlichen Variante. In Matti Geschonnecks „Ein großer Aufbruch“ spielt Matthias Habich den Todgeweihten. Mit von der Partie war wiederum – Hannelore Elsner.

          Statt Esprit jetzt Melodrama pur

          Mitunter ist ein solcher Film nur ein Vehikel für die Darstellung der komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung. Zu Beginn dieses Jahres zeigten Hannelore Elsner und Anneke Kim Sarnau in dem BR-Fernsehspiel „die Diva, Thailand und wir!“ aber eine sehenswerte Vorstellung: Die Annäherung einer kapriziösen Ex-Operndiva ohne Mutterherz, für die dringend ein Pflegeplatz gefunden werden muss, und einer aus Protest stinknormal-biederen Tochter, deren Organisationswahn umgekehrt proportional zu ihrer Lebenslust scheint.

          Statt Esprit jetzt Melodrama pur. In „Ferien vom Leben“ gibt Hannelore Elsner eine Malerin, die ohne Unterlass ihre tote zweite Tochter malt und sich nach ihrer Gehirntumordiagnose kurzerhand in den Lastwagen von Sami schwingt, um nach Polen, Amsterdam und Hamburg mitzufahren. Lilo, einst eine rosige Landmaid (zu sehen in bäuerlich-kopftuchbewehrten Rückblenden), die den Apfel fröhlich zu Most presste, verfolgen Bilder ihrer geliebten, früh gestorbenen Tochter. Die ältere, die falsche (Marie Bäumer) entging damals dem Unglück. Die Ehe Caros mit dem Paartherapeuten Andreas (Robert Schupp) ist folglich eine Katastrophe der Sprachlosigkeit; die Beziehung zu Sohn Vincent (Emilio Sakraya), der mit seiner Homosexualität hadert, stark verbesserungsbedürftig. „Ferien vom Leben“ enthält einzelne anrührende Momente, an den Schauspielern gibt es wenig auszusetzen, das Buch aber häuft Klischeebaustein auf Klischeebaustein. Und Hannelore Elsner ist als Bauersfrau einfach fehlbesetzt.

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