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Fernsehfilm „Ein offener Käfig“ : Vielleicht bin ich ein böser Mensch

Geschlossene Gesellschaft: Robert (Oliver Mommsen, links) misstraut seinem Bruder Georg (Martin Feifel), Lisa (Anna Schudt) fürchtet ihn. Bild: obs

Der Film „Ein offener Käfig“ handelt von einem Sexualstraftäter, der freikommt. Die Familie seines Bruders muss ihn aufnehmen. Doch wie lebt man mit einem, von dem niemand weiß, ob er wieder Täter wird?

          3 Min.

          Es gibt nichts, worüber wir reden müssen. Ich will Sie hier nicht sehen, verstanden?“ Robert Dühring (Oliver Mommsen) ist kurz angebunden. In seinem Autohaus ist Tag der offenen Tür mit Hüpfburg für die Kleinen und Sektempfang für die Großen. Der, mit dem er nicht reden will, steht trotzdem vor der Tür. Der Sozialarbeiter Kippenberg teilt Dühring kurz und knapp mit, dass sein Bruder wieder da ist und er ihn für sechs Wochen in seinem Haus unterbringen muss. Danach ist ein betreuter Wohnplatz frei für Georg Dühring (Martin Feifel), den Mann, der drei Frauen vergewaltigt und beinahe zu Tode geprügelt hat und dafür fünfzehn Jahre im Gefängnis saß.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Von einem Willkommen kann also keine Rede sein. Robert hat seiner Freundin Lisa (Anna Schudt), die ihm gerade von ihrer Schwangerschaft erzählen will, nicht einmal gesagt, dass er einen Bruder hat. Nun sitzt er im Garten, werkelt in der Garage und verspricht Lisas halbwüchsiger Tochter Hanna (Nicole Mercedes Müller), das Mofa zu reparieren. „Ich will, dass der verschwindet“, sagt Lisa. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie das ist, der Bruder von einem Monster zu sein? Von einem Mann, der Frauen halbtotschlägt?“, geht Robert seinen Bruder an. Doch der fühlt sich - noch - nicht in der Defensive: „Diesmal wirst du mich nicht so leicht los, diesmal nicht.“

          Der Mob differenziert nicht

          Worauf er anspielt, das zeigt der Regisseur Johannes Grieser in Rückblenden. Georg wurde jahrelang von seinem Vater misshandelt, die Stiefmutter schritt nicht ein, Robert, der kleine Bruder, auch nicht. Wie hätte er auch? Einmal zumindest hätte er nicht schweigen sollen, als die Angriffe des Vaters auf den Bruder eskalierten. Doch Robert bliebt stumm.

          Das wirft er sich bis heute vor, und das erklärt auch, warum er wider Willen und gegen die sich bald steigernden Widerstände in seinem Umfeld zu seinem Bruder hält. „Ich werde dafür sorgen, dass er keine Gefahr ist, vertrauen Sie mir“, sagt er vor dem Gemeinderat, der im Gasthaus eine Dringlichkeitssitzung einberufen hat. Dann bringt Katja Heinrich (Catherine Flemming), die Frau von Roberts Freund und Anwalt Micha (Ole Puppe), die Sprache auf die Opfer - auf die Frauen, die Georg nicht nur körperlich, sondern auch seelisch vergewaltigt hat.

          Der wütende Mob macht auch vor dem Haus des unschuldigen Bruders nicht Halt.
          Der wütende Mob macht auch vor dem Haus des unschuldigen Bruders nicht Halt. : Bild: SWR/Peter A. Schmidt

          Jeder merkt, dass sie aus eigener, leidvoller Erfahrung spricht. Vor Roberts Haus sammelt sich bald eine wütende Menge, an der Zufahrt der Straße steht ein Schild, das vor dem Vergewaltiger in der Nachbarschaft warnt, die Karossen vor Roberts Geschäft werden beschmiert. Bald steht nicht nur Georg am Pranger, sein Bruder und dessen Familie landen ebenfalls im Abseits.

          Fünfzehn Prozent zu viel

          Das Drehbuch von Holger Joos (nach einer Idee von Marco Rossi) folgt einer Begebenheit, die sich 2009 in einem Dorf in der Eifel auf ähnliche Weise entwickelte. Ein verurteilter Sexualstraftäter kam aus der Sicherungsverwahrung frei, und der Ort lief Sturm. Mit der lauernden Gefahr gleich nebenan wollte niemand leben. Doch wohin mit dem Täter?

          „Der muss weg“ - so lautet die Lösung für alle. Weg für immer, weg ins Gefängnis, auch wenn er seine Strafe abgesessen hat und - wie in dem hier dargelegten Fall - die Chancen auf eine vollständige Resozialisierung laut Gutachter gut stehen. Sein Bruder habe ein Rückfallrisiko von fünfzehn Prozent, sagt der Sozialarbeiter. Fünfzehn Prozent sind fünfzehn Prozent potentielle Opfer zu viel.

          Starker Film mit Lehre

          Der Film „Ein offener Käfig“ gibt nicht vor, es gäbe hier eine einfache Lösung. Das weiß auch Georg, der Tabletten schluckt, die ihn ruhighalten sollen. „Alle suchen immer nach einem Grund“, sagt er. „Was, wenn es am Ende gar keinen Grund gibt, wenn ich am Ende nur ein böser Mensch bin, den man nicht kontrollieren kann? Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn ich aufhören würde, diese Dinger zu nehmen.“

          Diese Geschichte kann kein glückliches Ende nehmen, sie hält aber eine Lehre parat, um derentwillen die Handlung zum Ende hin ein wenig zu deutlich konstruiert wird. Die Schauspieler tragen diesen Film. Anna Schudt spielt Lisa in all ihrer Zerrissenheit: Sie will eine Familie haben, sieht aber ihre gerade eben noch halbwegs heile Welt in sich zusammenfallen. Martin Feifel beweist in seiner Rolle einmal mehr, dass er ein Mann für abgründige, latent gefährliche Charaktere ist. Oliver Mommsen spielt Robert Dühring großartig unprätentiös als einen Mann, der langsam begreift, vor welcher Aufgabe er steht. „Niemand wird je vergessen, was ich getan habe“, sagt Georg. Er werde, antwortet Robert, „für immer mein Bruder sein“.

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