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Fernseh-Krimi im ZDF : Der Kollege ist des Kollegen Wolf

  • -Aktualisiert am

Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Die Toten schweigen, und auch die Ermittler verschweigen einander so manches. In der Reihe „Unter anderen Umständen“ fliegt das Kommissariat auseinander. Dabei hat es gerade mit einem schrecklichen Fund zu tun.

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          Kein schöner Anblick, die Leiche der jungen Daria Ivancyk (Krista Tcherneva). Stunden zuvor sieht sie noch anbetungswürdig aus, selbst in dünnem Fummel und falschem Pelz. Am Abend ihres Todes gehört sie zum Vergnügungskontingent einer Sexparty. Im Morgengrauen findet sich ihr Leichnam im Naturschutzgebiet an der Schlei. Das grell geschminkte Gesicht ist entstellt. Die Ermittler müssen rekonstruieren, um welche Person es sich hier handelt.

          Daria, keine zwanzig Jahre, ehemaliges Au-pair, hatte Verkehr mit zwei verschiedenen Männern, wurde brutal zusammengeschlagen und wie Abfall weggeworfen. Wildscheine müssen vom Fundort vertrieben werden. „Sie war als Overnight gebucht“, sagt ihr Aufpasser achselzuckend. Der stadtbekannte Schleswiger Zuhälter Maik Leinemann (Timo Jacobs) liebt seinen Ford Mustang, die jungen Frauen, die für ihn anschaffen, hält er unter Drogen. Dass die Tote im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne den Schweinen vorgeworfen wurde, nimmt Jana Winter (Natalia Wörner), ihren Brachial-Kollegen Matthias Hamm (Ralph Herforth) und Arne Brauner (Martin Brambach) mit.

          Die Stimmung im Team ist in „Das Geheimnis der Schwestern“ ohnehin auf dem Tiefpunkt. Heimlich war Jana Winter zum Antrittsbesuch beim Vorgesetzten Dr. Fabian (Hansjürgen Hürrig). Der ermuntert sie zur gewünschten Fortbildung, hat aber mehr in petto. In zwei Jahren könne sie ihren Chef ablösen. Eine Bedingung: Über das Gespräch müsse absolutes Stillschweigen herrschen. Brauner, als sensibler Zwei-und-zwei-Zusammenzähler häufig unterschätzt, ahnt etwas. Die feine Art kann er sich nicht mehr zu oft leisten, also hat er in Jana Winters Schreibtisch geschnüffelt und ihr Gesuch gefunden. Er belauert Winters Schritte, wittert Alleingänge zur Profilierung. Das Misstrauen wächst, besonders nachdem er den Kollegen Hamm ins Vertrauen gezogen hat. Der will sich nach Flensburg wegbewerben.

          Prostitution ist kein Unterschichtenphänomen

          Die miese Atmosphäre und ihre Auswirkungen auf die Mordermittlung gestaltet der Drehbuchautor André Georgi im vierzehnten Fall von „Unter anderen Umständen“ recht elegant. Wichtige Ermittlungsergebnisse werden einander verschwiegen, Dreierkonferenzen fallen aus, und die Frage, ob nur eine Frau zwangsprostituierte Frauen sensibel befragen kann, spaltet die Kollegen.

          Als Beispiel von intransparenten Aufstiegs- und Beförderungsstrukturen, die die Zusammenarbeit fast zwangsläufig vergiften, sieht der Film durchaus realistisch aus. Es bleibt aber der Eindruck, dass das Buch mit der ursprünglichen Ausgangsidee der Hauptfigur gar nichts mehr anzufangen weiß. Zum Auftakt war Winter schwanger, dann wurde sie Vollzeitkommissarin mit kleinem Kind und wenig Unterstützung. Die Mutterfrage, verbunden mit den entsprechenden beruflichen Kalamitäten, hat sich erledigt. Nun ist der Sohn zwölf Jahre alt und glänzt vorwiegend durch Abwesenheit – diese gesamte Folge verbringt er bei der Oma. Bald geht er für ein Austauschjahr nach Australien. Jana Winter ist jetzt eine exzellente Mittelschichts-Polizistin und sammelt Sympathiepunkte, besonders, als der Fall eine ungewöhnliche Wendung nimmt.

          Schnell recherchiert ist der Veranstalter der Sexsause, Horst Steinberg (Bernhard Schir), ein lokaler Baumarktunternehmer. Eine andere Spur führt zu Katharina Seidel (Nele Mueller-Stöfen). Die Mutter von drei Kindern lebt mit ihrem arbeitslosen Mann Andreas (Martin Lindow) in einem halbfertigen Haus ohne Aussicht auf Fertigstellung. Mit seinem Partner Thomas Reuss (Peter Benedict) hatte der Ehemann früher eine Baufirma, jetzt hat er Rücken, Selbstmitleid und kein Geld. Von Studienaufenthalten in Australien träumt hier niemand, Luxus ist einmal in der Woche Pizza vom Italiener. Katharina Seidel kriegt das alles hin. Nur ihre Schwester Sybille Barghaus (Janna Striebeck) weiß, was Katharina wirklich tut. Die Regisseurin Judith Kennel setzt diesen Handlungsstrang, der dramatisch eskaliert, engagiert realistisch in Szene. Prostitution, von manchen als Selbstbestimmung verherrlicht, ist kein hässliches Unterschichtenphänomen, zumindest das zeigt der Film auf sensible Weise.

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