https://www.faz.net/-gqz-9nbrf

Der Fall Relotius : Über den Reporter, der immer Glück zu haben schien

„Spiegel“-Verlagschef Thomas Hass (links), Chefredakteur Steffen Klusmann und Brigitte Fehrle stellen den Bericht vor. Bild: dpa

Fünf Monate, nachdem der frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius als Fälscher enttarnt wurde, legt das Magazin nun seine Untersuchung des Falls vor. Dabei geht es mit sich und einigen Mitarbeitern hart ins Gericht.

          Am 17. Dezember des vergangenen Jahres musste das Magazin „Der Spiegel“ in vielerlei Hinsicht in den selbigen schauen: Sein junger und mehrfach preisgekrönter Redakteur Claas Relotius war der Fälschung überführt worden – Glück im Unglück: durch einen unbequemen Reporter aus dem eigenen Haus. Zwei Tage später machte das Magazin den Fall öffentlich – bevor es jemand anderes tun konnte. Mit der Erschütterung des Selbstbildes gingen unbequeme Fragen einher: Wie konnte Relotius rund sechzig Texte unterbringen, von denen sich viele als Fälschung erwiesen? Wie konnte das ausgerechnet beim „Spiegel“ passieren, der stolz darauf ist, eine achtzigköpfige „Dokumentation“ zu haben, die jeden Artikel checkt und gegebenenfalls nachrecherchiert? Warum blieb das Treiben des Fälschers so lange unentdeckt? Was waren seine Methoden? Gab es Hinweise oder Warnungen, die ungehört verhallten oder ignoriert wurden? Wer steht neben Relotius in der Verantwortung? Wann wusste wer was? Gab es mehr Journalisten, die arbeiteten wie Claas Relotius? Warum fälschte er?

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Am gestrigen Freitag, Punkt zwölf Uhr mittags, stellte das Magazin seinen Abschlussbericht zum „Fall Relotius“ vor; verfasst von der dreiköpfigen „Aufklärungskommission“, bestehend aus Brigitte Fehrle, freie Journalistin und frühere Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Clemens Höges, kommissarischer Blattmacher und Stefan Weigel, „Spiegel“-Nachrichtenchef seit Anfang des Jahres. Laut Bericht hat diese Kommission sich des Falls im Januar angenommen. Sie sei nicht „weisungsgebunden“ gewesen und habe sich im Haus frei bewegen und Gespräche führen können. Bestimmte Vorgehensweisen wie die Einsicht in E-Mail-Accounts von Mitarbeitern bedurften der Zustimmung von Betriebsrat, Geschäftsleitung und Chefredaktion.

          Derweil versuchte auch die „Dokumentation“ ihre Versäumnisse gut zu machen und prüfte jeden Text von Claas Relotius abermals. Der Bericht räumt jedoch gleich zu Beginn ein, dass man „nach bestem Wissen und Gewissen“ gearbeitet, jedoch nicht alle Hinweise abschließend habe überprüfen können, „vor allem wenn zeitlich weit zurückliegende Ereignisse betroffen waren“. So sei nicht ausgeschlossen, „das nach Veröffentlichung des Abschlussberichts neue Verdachtsfälle auftauchen“.

          Vorgesetzte haben schwere Fehler begangen

          Kernstück des Berichts ist eine ausführliche und hinreichend schonungslose Kartografie der Beteiligten, ihrer blinden Flecken und Versäumnisse, sowie eine geraffte Chronologie der Aufdeckung durch den erst spät, aber dann umso deutlicher erkannten Aufklärer der Geschichte: Juan Moreno. Eines wird im Bericht auch deutlich: Auch wenn Claas Relotius als Einzeltäter beschrieben wird, der sowohl Kollegen als auch Leser geschickt „einzuwickeln“ verstand, so sind doch auf Seiten der Vorgesetzten, darunter namentlich erwähnt der einstige Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der Leiter des Ressorts Gesellschaft, Matthias Geyer, Versäumnisse kenntlich gemacht.

          Zunächst jedoch widmet sich der Bericht Relotius und seinen „Methoden“. Die Schilderung wonach Relotius als „sympathisch, freundlich zu jedermann und bescheiden“ beschrieben wird, wiederholen sich auch hier. Ein „stiller, eher zweifelnder Typ“ sei er gewesen, der sich oft Rat geholt habe. Die Frage, ob es niemanden gewundert habe, „dass ein so junger Kollege in Serie solch außergewöhnliche Texte abliefert“, muss hier jedoch ebenso verwunderlich wirken, wie die Antwort, die der Bericht darauf gibt: Man habe eben stets gedacht, „der ist besser als ich. Oder: Der scheint einfach immer Glück zu haben“. Im Ressort habe man den jungen Mann „geradezu verehrt“. Ein „Jahrhunderttalent“, „der ist jetzt schon besser als wir je waren“, soll ein Mitarbeiter geschwärmt haben.

          Weitere Themen

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Smartphone-App der Bank N-26

          Nach Betrugsfällen : Volksbank sperrt Zahlungen an N26

          Nutzen Betrüger Sicherheitslücken bei Finanz-Start-ups aus, um Geld von Bankkonten zu ergaunern? Einige Volksbanken haben dazu eine klare Meinung – und gehen lieber auf Nummer sicher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.