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„Der Fall Oradour“ im Ersten : Die Täter sind davongekommen

  • -Aktualisiert am

Ruinen als Mahnmal: das von der SS-Division „Das Reich“ vernichtete Dorf Oradour Bild: SR/Casperfilm

642 Morde vom 10. Juni 1944 bleiben ungesühnt: Eine Dokumentation ruft den „Fall Oradour“ in Erinnerung und fragt, warum bislang nur ein einziger der Täter vor ein deutsches Gericht gestellt wurde.

          Wer vom „Fall Oradour“ erzählt, wie der Film, der heute Abend in der ARD läuft, der erzählt nie nur eine Geschichte. Denn es gibt nicht nur einen „Fall Oradour“, sondern leider zwei, wobei der eine beginnt, als der andere endet.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der erste ereignete sich am 10. Juni 1944 in dem nahe Limoges gelegenen, französischen Dorf, das bis zu diesem Tag von der deutschen Besatzungsmacht im Land noch nicht viel mitbekommen hatte. Nur wenige Tage zuvor waren die alliierten Streitmächte in der Normandie gelandet. Im Südwesten Frankreichs setzte sich daraufhin die SS-Division „Das Reich“ in Marsch Richtung Norden. An einem Samstag um die Mittagszeit erreichten die rund hundertfünfzig Mitglieder der SS-Division das Dorf, durchsuchten es nach Waffen und trieben seine Bewohner auf dem Marktplatz zusammen.

          Zur Abschreckung vernichtet

          Kurze Zeit später wurden die Frauen und Kinder von den Männern getrennt. Die Männer brachte man in vier Scheunen, wo sie niedergeschossen und angezündet wurden. Frauen und Kindern erlitten in der Kirche das gleiche Schicksal: 642 Menschen starben, nur sechs Zivilisten überlebten. Zu ihnen zählen Robert Hébras und Marcel Darthout, die beide anwesend waren, als Joachim Gauck im vergangenen September als erstes deutsches Staatsoberhaupt in Oradour zu Besuch war.

          Das ist also die eine Geschichte. Die zweite beginnt nach 1945 und hat bis heute kein Ende gefunden. Denn in Oradour ist nicht nur eines der schlimmsten Massaker des Krieges verübt worden, auch die Aufarbeitung dieses Verbrechens ist längst nicht abgeschlossen. Der Film, den Ute Casper mit einem deutsch-französischen Team in beiden Ländern gedreht hat, widmet sich deswegen auch nur teilweise dem Massaker. Den größeren Raum nimmt die Frage ein, wieso bislang nur ein einziger der Täter vor ein deutsches Gericht gestellt wurde. In Bordeaux sind 1953 zwar vierundvierzig Deutsche in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Weil es Deutschland aber nicht erlaubt war, eigene Staatsangehörige auszuliefern, sind diese Männer straffrei davongekommen. Auf deutschem Boden wurde indes nur Heinz Barth, einst Zugführer in Oradour, 1983 in der DDR verurteilt. Seine Aussagen hat man während des Prozesses aufgezeichnet. Ausschnitte davon sind nun zu hören: Dass alle Einwohner „eben als Abschreckung“ zu vernichten seien, sagte Barth, „das wurde eben gedankenlos, ohne nachzudenken, durchgeführt“.

          Genau dies, dass es sich bei dem Massaker um willkürliche Abschreckung gehandelt hatte, war von ehemaligen SS-Mitgliedern bis in die siebziger Jahre hinein auch bei öffentlichen Veranstaltungen immer wieder bestritten worden. Von einem dieser gespenstischen Treffen aus dem Jahr 1971 sind nun ebenfalls einige Szenen zu sehen: So steht ein älterer, ergrauter Mann an einem Rednerpult und beharrt darauf, „dass der gute Name unserer Division ohne Makel ist“. Und ein anderer insistiert: „Oradour und Tulle waren - und das muss gesagt werden - Reaktionen auf vorausgegangene Aktionen der französischen Widerstandsbewegung.“ Für die wenigen Überlebenden aus Oradour sind derlei Ausführungen verständlicherweise unerträglich. Auch mag es nur ein schwacher Trost sein, dass die Dortmunder Staatsanwaltschaft nach wie vor daran arbeitet, die noch lebenden Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Es sei spät, gibt der zuständige Staatsanwalt Andreas Brendel zu, „aber nicht zu spät“. Solange nur einer der Verantwortlichen noch am Leben ist, das macht dieser Film noch einmal deutlich, wird und muss er seine Arbeit jedenfalls weiterführen.

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