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Abgesetzte Arte-Doku : Ich bin selbst ein Kritiker des Kreml

Spielszene aus dem abgesetzten Dokumentarfilm „Der Fall Magnitski“: Der inhaftierte Anwalt (Evgeniy Lunchenko, Mitte) wird von einer Zelle in die andere verlegt. Bild: dpa

Was steckt hinter dem Fall des toten Sergej Magnizki? Im F.A.Z.-Interview spricht Regisseur Andrej Nekrassow über seinen Film - den bislang niemand sehen durfte.

          6 Min.

          Die Diskussion um die abgesetzte Arte-Dokumentation „Der Fall Magnitski“ hält an. Ursprünglich sollte der Film des russischen Journalisten Andrej Nekrassow am 3. Mai laufen. Doch aufgrund der Proteste von Angehörigen und Protagonisten wurde er kurzfristig aus dem Programm genommen und wird nun auf unbestimmte Zeit einer juristischen Prüfung unterzogen - „Eine etwas längere Baustelle“, so Arte (F.A.Z. vom 11. Mai). Dort heißt es, dass zwei Anwaltsschreiben eingegangen seien - beim ZDF, das den Dokumentarfilm produzierte, und bei Arte. Das ZDF sah sich bislang zu keiner Stellungnahme in der Lage. So steht der Vorwurf, der Sender habe der Einflussnahme Browders nicht widerstanden, zunächst unwidersprochen im Raum. Warum wird ein fertiger Film derart kurzfristig abgesetzt? Wieso ging er durch die senderinterne Abnahme und verschwindet jetzt so fix? Wir haben mit Regisseur Andrej Nekrassow gesprochen.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Herr Nekrassow, Ihr Dokumentarfilm rekonstruiert die Geschichte des Steueranwalts und Wirtschaftsprüfers Sergej Magnizki, der 2009 in einem Moskauer Gefängnis starb. Vieles deutet bis heute auf einen De-facto-Mord hin, den der Kreml jedoch dementiert. Zudem war Magnizki nach weitverbreiteter Auffassung Opfer der russischen Behörden, nachdem er einem millionenschwerem Steuerbetrug auf die Schliche gekommen war. Die Behörden wiederum bezichtigen ihn des Steuerbetrugs im Auftrag des Investmentbankers Bill Browder. Was hat Sie motiviert, die Geschichte aufzurollen?

          Ursprünglich wollte ich eine Hommage, ein „Dokudrama“ über den Whistleblower-Helden Sergej Magnizki machen. Einen Krimi vielleicht, keine echte Untersuchung. Die Geschichte, die mir Browder erzählte, und die ich aus den Medien mitbekam, war spannend. Ein Anwalt, Magnizki, deckt einen großen Betrug auf, in den korrupte russische Polizeifahnder verwickelt waren, er zeigt ihn an und wird von ebendiesen Fahndern verhaftet und später im Gefängnis umgebracht.

          Offenbar kamen Sie im Lauf der Recherchearbeit zu einem anderen Ergebnis. Wie kam das?

          Während der Dreharbeiten merkte ich, dass einiges an der Geschichte nicht stimmt. Ich fing an zu recherchieren, es wurde sehr kompliziert. Jetzt weiß ich, dass fast alles an der Geschichte nicht stimmt. Magnizki war ein einfacher Buchhalter und Steuerberater, der für Browder arbeitete. Er war der Beihilfe zur Steuerhinterziehung verdächtigt worden, deswegen wurde gegen ihn ermittelt. Magnizki hat nichts enthüllt und daraufhin keine Anzeige erstattet. Er verbrachte fast ein Jahr in Untersuchungshaft, in den letzten vier Monaten erhielt er keine adäquate medizinische Hilfe. Er wurde also nicht vorsätzlich umgebracht, aber ich muss deutlich unterstreichen, dass die Haftbedingungen in manchen russischen Gefängnissen absolut menschenverachtend und entsetzlich sind, was zu solchen tragischen Todesfällen führt - Magnizki ist kein Einzelfall.

          Vor allem aber besteht keine Verbindung zwischen Magnizkis Untersuchungshaft und den aus der russischen Staatskasse gestohlenen 230 Millionen Dollar. Von diesem Verbrechen handelt mein Film. Die Steuerrückerstattung lief über Browders drei Briefkastenfirmen (offiziell: HSBC). Browder behauptet, er habe damit nichts zu tun, weil ihm die Firmen von den Kriminellen vor dem Diebstahl entwendet wurden. Ich habe Gründe, daran zu zweifeln und zeige das in dem Film.

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