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Abgesetzte Arte-Doku : Ich bin selbst ein Kritiker des Kreml

„Sie haben sich mein Filmmaterial illegal angeeignet“: Der Regisseur Andrej Nekrassow.

Unter Bezugnahme auf bestehende Berichte, etwa die 2013 verfasste Stellungnahme des Europarats? Was ist mit den Ergebnissen der investigativen Journalisten der „Nowaja gaseta“, die den Fall Magnizki aufwendig dokumentiert haben?

Ich habe Andreas Gross, den Berichterstatter der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, interviewt und fand ihn persönlich sehr sympathisch. Leider hat er in seinem Untersuchungsbericht Browders Geschichte vollkommen unkritisch übernommen, obwohl von einer unabhängigen Untersuchung die Rede war. Gross gibt aber vor der laufenden Kamera zu, dass die Unterlagen, welche die Behauptung begründen, dass Magnizki den Diebstahl aus der russischen Staatskasse enthüllte und anzeigte, allesamt aus Browders Büro kamen. Nichts von all dem wurde hinterfragt und überprüft. Daher ist der Bericht im Grundsatz verfehlt und die Chance einer unabhängigen Untersuchung wurde leider verpasst.

Für Russland stellt dieser Bericht einen Beweis dar, wie der Westen negativ voreingenommen ist. Und was kann ein Regimekritiker wie ich sagen, wenn leider die russische Seite gerade in diesem Fall recht hat? Während meiner Recherche habe ich alle Unterlagen von Novaya Gazeta gelesen. Ich bin zu einem Ergebnis gekommen, das deren Version widerspricht. Sie wiederholt nämlich genau die Argumentation von Browder, etwa dass Magnizki den Steuerbetrug aufdeckte, untersuchte und den Behörden anzeigte. 

Kurz bevor der Film ausgestrahlt werden sollte, protestierten Magnizkis Angehörige und Browder gegen die Botschaft des Films, dass Magnizki weniger Opfer der russischen Behörden, als vielmehr Täter im Auftrag Browders gewesen sei. Letzterer beschwerte sich über seine Anwälte beim Filmproduzenten ZDF und bei Arte. Auch die Politikerin Marieluise Beck, die in dem Film auftritt, protestierte. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie betrieben Kreml-Propaganda und beschmutzten das Andenken des Verstorbenen?

Ich bin ganz einfach entsetzt und empört wie noch nie in meinem Leben. Der Film war zu dem Zeitpunkt noch nirgendwo veröffentlicht. Die Anwälte von Beck und Browder benutzen für offizielle Briefe von uns gestohlenes geistiges Eigentum. Wir glauben, dass ihnen eine Work-in-progress-Filmversion vorliegt. Und was heißt „Kreml-Propaganda“? Das ich bei meiner Arbeit Dinge entdeckt habe und über schwerwiegende Beweise verfüge, die Browder überhaupt nicht passen? Nur deswegen werde ich als Kreml-Propagandist oder sogar als FSB-Agent (der russische Inlandsgeheimdienst, Anm. d. Red.) verunglimpft. Ich habe die Würde des Verstorbenen Magnizki nicht beschmutzt.

Es geht in dem Film vor allem um einen finanziellen Betrug. Ich verfüge nicht über die finanziellen, juristischen, politischen Ressourcen wie Browder, um mich symmetrisch verteidigen zu können. Mein Film ist eine europäische, öffentlich finanzierte Filmproduktion. Es ist skandalös, dass es Browder, dessen Geschichte ich hinterfragt habe, gelingt, mich mundtot zu machen und sogar Koproduzenten zu beeinflussen.

Stimmt es, dass, wie Arte sagt, im Film Protagonisten vor der Kamera gezeigt werden, obwohl das anders verabredet war?

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