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Fall Hoeneß : Sesam öffnet sich

Der Fall Hoeneß und der lange Schatten, den er nach sich zieht. Bild: dpa

Monatelang bemühte sich der Strafrechtsexperte Walter Grasnick um eine Veröffentlichung der schriftlichen Urteilsgründe im Fall Hoeneß - eine vergebliche Mühe, wie es schien. Aber siehe da: Auf einmal werden sie publiziert.

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          Plötzlich geht es ganz schnell und ganz fix. Am Dienstag, den 28. Oktober 2014 hatten wir in der F.A.Z. berichtet, dass der Strafrechtswissenschaftler Walter Grasnick sich seit geraumer Zeit vergeblich darum bemüht, an die schriftlichen Urteilsgründe im Fall Hoeneß heranzukommen. Am 13. März dieses Jahres war der ehemalige Präsident des FC Bayern wegen Steuervergehen zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden, Anfang Juni hatte er seine Haft angetreten. Grasnicks Anfragen nach Veröffentlichung des schriftlichen Urteils waren seither – und bis zuletzt – abschlägig beschieden worden.

          Doch siehe da: Dienstagnachmittag tauchte in der Online-Ausgabe der „Bild“ eine Notiz auf, der zufolge die Urteilsbegründung Anfang November veröffentlicht werden solle. Auf Anfrage wurde das der F.A.Z. am Mittwoch, den 29. Oktober bestätigt. Die zuständige Kammer des Münchner Landgerichts habe Hoeneß’ Verteidiger um Stellungnahme gebeten. Die Frist für diese sei nun verstrichen, und man dürfe für die nächste Woche damit rechnen, dass das Urteil für Wissenschaftler und Journalisten zugänglich sei, sagte Andrea Titz, die Leiterin der Pressestelle beim Oberlandesgericht München. Die Anwälte hätten in dieser Frage zwar kein Mitspracherecht, doch erscheine es sinnvoll, die Beteiligten vor der Veröffentlichung des schriftlichen Urteils anzuhören, schließlich spiele in diesem Strafverfahren auch das Steuergeheimnis und spielten Persönlichkeitsrechte eine Rolle, da sei eine sorgfältige Abwägung geboten.

          Walter Grasnick, der fünfundzwanzig Jahre lang im Justizdienst war, zuletzt als Oberstaatsanwalt, und als Honorarprofessor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Marburg lehrt, wertet den Vorgang anders: Man kenne, sagte er, „den traurigen Fall des erweiterten Suizids“. Den begehe „zum Beispiel ein Mann, der nach einem mit seiner Geliebten gemeinsam gefassten Plan zunächst diese und danach sich selbst umbringt“. Jetzt, so Grasnick, gebe es „auch den erweiterten Deal. Zur Erinnerung: [...] Sie reicht aber viel weiter als bislang angenommen. Denn die Absprache erfasst auch – und das ist nun für das Ansehen der Münchner Justiz tödlich – die Modalitäten der bisher verweigerten Bekanntgabe der schriftlichen Urteilsgründe.“

          Jetzt solle „das Unmögliche doch geschehen“, aber „erst, nachdem die Staatsanwaltschaft München den Entwurf einer anonymisierten Fassung des Urteils der Verteidigung zur Stellungnahme vorgelegt hat. Das heißt: [... ]“ Wegen der Odyssee, die Grasnick bei seiner Anfrage nach dem schriftlichen Hoeneß-Urteil erlebte (beschrieben in der Zeitschrift „myops“, (Verlag C.H. Beck, Nr.22/2014, Seiten 43–49), hat er übrigens Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Pressesprecherin des Oberlandesgerichts München, Andrea Titz, eingereicht. Die Beschwerde trägt das Datum vom 28.Oktober – dem Tag, in dessen Verlauf offenbart wurde, dass Wissenschaftler und Journalisten das schriftliche Urteil in Sachen Hoeneß nun bald doch nachlesen können sollen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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