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Fachdienst „epd medien“ : Öffentlichkeit

Nina Louise und Simon-Paul Wagner im Juli 2003 am Rande der Dreharbeiten für „Marienhof“ Bild: Picture-Alliance

Kein Zufall, dass er so alt ist wie Grundgesetz und öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Der Fachdienst „epd medien“ feiert sein siebzigjähriges Bestehen. Seine Sternstunde erlebte er mit dem „Marienhof-Skandal“.

          Man muss schon so cool und erfahren, so souverän wie der Filmemacher, Produzent und Publizist Alexander Kluge sein, um mal eben einen Satz rauszuhauen wie diesen: „Im Netz gibt es keine Öffentlichkeit.“ Gesagt hat er dies in der Jubiläumsausgabe des Fachdienstes „epd medien“. Im Januar vor siebzig Jahren wurde dieser Dienst unter dem Namen „epd/Kirche und Rundfunk“ ins Leben gerufen, und es ist kein Zufall, dass er so alt ist wie das Grundgesetz und wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk.

          In ihm drückt sich das Selbstverständnis aus, das die ihn über das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (Gep) tragende Evangelische Kirche Deutschlands mit der katholischen, die einen ähnlichen Medienfachdienst finanziert, teilt: Sie will demokratische Öffentlichkeit, wie auch Alexander Kluge sie versteht, herstellen, als Plattform, die diesen Namen verdient, als Agora, als „Gefäß für Meinungsaustausch, das eine Autorität in der Öffentlichkeit besitzt“.

          Das im Hintergrund von Konzernen gesteuerte Netz, das von Shitstorms, Anfeindungen und kleinen, lauten Gruppen beherrscht wird, die vorgeben, für die Mehrheit zu sprechen, taugt in seiner derzeitigen Form als solches Gefäß nicht – wohl aber „epd Medien“, das an diesem Dienstag in Frankfurt die Jubiläumsfeier zu seinem siebzigjährigen Bestehen ausrichtet.

          Ihre Sternstunde erlebte diese Publikation im Jahr 2005 mit dem „Marienhof-Skandal“. Der leitende epd-Redakteur Volker Lilienthal deckte mit einer vom Deutschen Journalisten-Verband unterstützten Recherche auf, dass eine Agentur in der Vorabendserie der ARD systematisch verbotene Schleichwerbung unterbrachte. Rund zweihundert Kunden hatte die Agentur angeschrieben und für einige von diesen „Produktplazierungen“ arrangiert, was den Chef der von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragenen Produktionsfirma Bavaria am Ende den Job kostete. „Keine Abschlüsse unter fünf Folgen“, hieß es in den Unterlagen der Schleichwerbeagentur; für „aktive Integration“, also Schleichwerbung, die ins Drehbuch geschrieben wurde, waren Preise von 17.500 Euro an vorgesehen; ein „Ausstattungsplacement“ musste für mindestens zwanzig Folgen gebucht werden.

          Das aufgedeckt zu haben war ein Scoop für „epd Medien“. Die illegale Praxis fiel der ARD schwer auf die Füße und wurde eingestellt. So schrieb „epd medien“, wie Jörg Bollmann, der Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik, in der Jubiläumsausgabe des Dienstes festhielt, „deutsche Mediengeschichte“. Großen Auflagengewinn brachte dies der Publikation nicht. Dem Rechercheur Lilienthal, der heute die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg innehat, brachte es Auszeichnungen und Anerkennung für dem Wortsinn nach aufklärerischen Journalismus. Nichts anderem hat sich „epd medien“ verschrieben als einem solchen „unabhängigen Qualitätsjournalismus“, wie ihn der Gep-Direktor Bollmann beschwört. Mögen die Kirchen von diesem säkularen Auftrag niemals abrücken und ihren Beitrag zu einer – bürgerlichen – Öffentlichkeit leisten, die auch eine Gegenöffentlichkeit zum digitalen Manipulationskomplex bildet. Das darf man feiern.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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