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ESC-Ersatzshows : Früher war mehr Trickkleid

Na, wenigstens irgendwo hat es heute geglitzert: Nico Santos beim „Free European Song Contest“ auf Pro Sieben. Bild: dpa

Die ARD mietet die leere Elbphilharmonie und will „das Original“ sein, Pro Sieben lässt Stefan Raab ran und dreht sein eigenes Ding: Der Song-Contest fällt aus, die Sender bemühen sich um Ersatz. Wer macht es besser?

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          Einen richtigen Eurovision Song Contest gab es in diesem Jahr leider nicht, dafür gleich mehrere Ersatzshows. In der ARD „Das Original“, wie Barbara Schöneberger in der gähnend leeren Elbphilharmonie nicht müde wurde zu betonen – die Begriffe „gähnend“ und „müde“, die uns eben dazu einfielen, weisen schon in eine gute Richtung, um das Debakel zu beschreiben. In dieser Show sollte aus zehn Finalisten der offiziellen Beiträge ein „Sieger der Herzen“ gekürt werden. Diese Finalisten waren in einer Show namens „World Wide Wohnzimmer“ gekürt worden, in der mehrere männliche Personen aus diesem Internet eine Art überlangen Laberpodcast mit Musikvideos veranstalteten. Corona, so muss man festhalten, tut dem ESC gar nicht gut.

          Stefan Raab dagegen stellte ein eigenes Showkonzept auf die Beine, den „Free ESC“, der dem abgespeckten Original Zuschauer abgraben sollte. Das ist dann wohl der wahre Wettbewerb in diesem Jahr, relevanter als der Liederwettstreit selbst. Und dort, bei Pro Sieben, beginnt der Abend mit der Eurovisionshymne und einer Kostümpanne, aber Conchita Wurst ist Profi. Im spontan halbierten Glitzerkleid singt sie ein Medley aus „Waterloo“, „Satellite“ und „Rise Like A Phoenix“ – eine würdige Eröffnung. Steven Gätjen schiebt anschließend nonchalant die Plexiglasscheibe auf Rollen ins Studio, die ihn bei der Moderation von Conchita Wurst trennt. Er wird vorgestellt als „der viertattraktivste Mann des deutschen Fernsehens“, hat es also im Folgenden nicht ganz leicht, schließlich muss er zugleich neben dem attraktivsten Mann und der attraktivsten Frau des deutschen Fernsehens stehen.

          Beim „Free ESC“ stammen nicht nur die Band und der Sprecher der Einspielfilme von „TV Total“, sondern auch der Spirit. Wenn man das mag, ist man hier genau richtig. Es wird ein Einspieler aus dem Archiv von 1982 angekündigt, aber der zeigt Stefan Raab, wie er als Nicole verkleidet „Ein bisschen Frieden“ singt. Wie beim echten ESC gibt es kurze Videos, die die Länder vorstellen – nur hier mit Pennälerhumor. „Die kroatische Sprache ist eine Kakophonie aus den schönsten Konsonanten, die das Alphabet zu bieten hat“, heißt es da etwa, oder es werden Pupswitze wegen einer bulgarischen Bohnensuppe gemacht.

          Ein Regieeinfall hätte der Show gutgetan

          Pro Sieben wartet aber immerhin mit einer Lightshow, Projektionen, Funkenregen und Feuer auf und mit einer spiegelnden Riesenbühne – dagegen wirkt die ARD beim kurzen Reinschalten wie eine Abizeugnisverleihung. Dafür gibt es dort keine Werbepausen, in denen man überhaupt mal zur Konkurrenz rüberschauen könnte. Auf Pro Sieben lief nämlich die sonderbarste Netflix-Werbung aller Zeiten, aber das passt ja zum traditionell sonderbarsten Fernsehabend des Jahres.

          Jetzt bitte die Punkte vom Mond: Bully Herbig in der Pro-Sieben-Show „Free European Song Contest“.

          Die ARD-Show besteht zu sechzig Prozent aus Barbara Schöneberger, zu dreißig Prozent aus der Elbphilharmonie und zu zehn Prozent aus dem Rest, unter anderem dem Teilnehmer von 2018, Michael Schulte, und Peter Urban, die im Duo moderieren und sich auf den Dresscode „anthrazitfarbenes Polohemd“ geeinigt haben. Sie sitzen, die dieser Tage unvermeidliche Plexiglasscheibe zwischen sich, irgendwo in den Rängen und dürfen ab und zu eine Meinung haben. Zehn Teilnehmerländer werden mit kurzen ESC-historischen Highlights vorgestellt, dann die Beiträge, entweder als Einspieler oder live, denn einige Bands haben es sogar live nach Hamburg geschafft.

          Und bei allem, was an diesem Abend von der ARD doch irgendwie geschafft wurde, atmet man auf, es war wohl nicht so ganz leicht, überhaupt nur das bisschen Show auf die Bühne zu bringen. Jedenfalls war am Ende keine Energie mehr übrig für ein, zwei Regie-Einfälle. Mit etwas Selbstironie hätte man aus einer leeren Elphi, zwei Zauseln am Mikro, einer wie immer etwas zu überkandidelt gewandeten Barbara Schöneberger und viel Platz etwas durchaus Charmantes improvisieren können. Aber dazu braucht es vermutlich Talent zur Improvisation – und wir sind hier ja bei den Öffentlich-Rechtlichen, dafür gab es vermutlich kein Formular. Oder der Kollege, der das Improvisationstalent ausgibt, ist gerade in Elternzeit.

          Die herrliche Exotik des Österreichischen

          Was in der ARD lief, das kannte man schon, wenn man sich die Wohnzimmer-Show bis zum Ende angetan hat. Pro Sieben hingegen hat aus den Teilnehmern bis zum Schluss ein großes Geheimnis gemacht, und es sind durchaus ein paar bekannte Namen dabei: Eko Fresh tritt mit Umut Timur für die Türkei an, Glasperlenspiel wegen ihrer polnischstämmigen Sängerin für Polen, Kelvin Jones für Großbritannien, Gil Ofarim für Israel, Nico Santos für Spanien. Die Schweizerin Stefanie Heinzmann ist auf jeden Fall die beste Sängerin des Abends. Vanessa Mai singt für Kroatien und die Hälfte ihres Liedes auf Kroatisch – was den zuvor etwas lahmen deutschen Schlager wundersam in einen ganz guten Popsong verwandelt. Für Österreich tritt Josh. an, bei dem auffällt: Nach zwei Monaten Reisebeschränkung kommt einem Österreichisch schon herrlich exotisch vor.

          Sarah Lombardi für Italien hat am Ende einen kleinen Unfall bei einer recht spektakulären Hebefigur, weil sie ihrem Tänzer aus den Händen rutscht und irgendwie mit den Oberschenkeln auf seinen Schultern landet, woraufhin sie vor Lachen kaum zu Ende singen kann. Für Kasachstan (angekündigt mit den Worten „Zur Sache, Kasache“) geht Mike Singer ins Rennen, der zuletzt als Wuschel bei „The Masked Singer“ antrat und leider schiefer singt als alle anderen zusammen. Ihm folgt für Dänemark Kate Hall, die langjährige Gesangslehrerin bei „Popstars“, vielleicht gibt sie Mike Singer ja mal ihre Nummer. Und weil Pro Sieben sich nicht an irgendwelche Regeln halten muss, erfinden sie einfach welche und argumentieren gar nicht mal so schlecht: Australien gehört ja auch nicht mal entfernt zu Europa und ist trotzdem beim ESC dabei. Also nimmt hier der Mond teil – vertreten durch Max Mutzke in seinem Astronautenkostüm, in dem er 2019 bei „The Masked Singer“ gewonnen hat. Hier wird eindeutig Privatfernsehen für Privatfernsehprofis gemacht, die auch noch die x-te Referenzschleife zu würdigen wissen.

          Sieger der Herzen und der leeren Halle: Die litauische Band „The Roop“.

          Die größte Heimlichtuerei des Abends hat Pro Sieben um den deutschen Teilnehmer herum betrieben. Eine Legende wurde angekündigt, und das war tatsächlich nicht zu viel versprochen: Helge Schneider tritt an mit dem Song „Forever At Home“, den er laut Conchita Wurst „vor drei Wochen extra für diesen Anlass geschrieben hat, innerhalb von zehn Minuten“. Dabei hatte er gerade erst angekündigt, seine Karriere wegen Corona unterbrechen oder gar beenden zu wollen. Es fliegen Rosen auf die Bühne, die Windmaschine weht – das Einzige, was hier noch gefehlt hätte, wäre ein Trickkostüm.

          Angelo Kelly hat schlechtes Internet

          Das ist dann schon fast ein großer Moment, und genau solche fehlten der ARD entschieden. So wenig Lametta wie in dieser Show war selten. Kein Wunder, dass dort gerade die minimalistischen Isländer mit ihrem musikalischen Geek-Humor brillieren können. Oder Litauen mit seiner Elektropop-Nummer, die – man verrät da ja wirklich nicht zu viel – am Ende gewinnt. Wie immer kommt das deutsche Votum nicht nur durch Zuschaueranrufe zustande, sondern auch durch das Urteil einer Fachjury aus Musikexperten, das regelmäßig so erratisch ausfällt, als hätten diese Experten gewürfelt. Man fühlt sich da immer zurückversetzt in die gute alte Zeit, in der gestrenge Herren in Hornbrille das Votum postsowjetischer Staaten verkündeten, das irgendein Zentralkommitee ausbaldowert hat – und vielleicht geht es ja bei der mysteriösen Fachjury genau so zu, man weiß es nicht. Wenigstens das Publikum weiß den sensationellen russischen Beitrag zu würdigen, „Uno“ heißt er, und es singt die Sankt Petersburger Band „Little Big“. Auch die charmanten Dänen sind in der Zuschauergunst ganz vorne mit dabei.

          Als die ARD schon längst mit ihrer Show durch ist und nach Hilversum geschaltet hat, wird es bei Pro Sieben erst spannend: Conchita Wurst tritt nochmals auf, bekleidet mit einer riesigen pinkfarbenen Schleife, und Deutschland, Österreich und die Schweiz stimmen per Televoting ab. Die anderen haben Jurys aus ESC-Fans gebildet. Während der Tübinger Komiker Teddy Teclebrhan „Deutschland isch stabil“ singt, versammeln alle Sänger sich wieder auf der Bühne in froher Erwartung ihrer Punkte. Und zwar mit Crossover-Promi-Beteiligung: Lukas Podolski sitzt in seiner Küche in Antalya und verkündet die Punkte aus Polen, Michelle Hunziker meldet sich aus Italien, Spice Girl Melanie C sitzt in England vor einer Lichterkette und Angelo Kelly schaltet sich aus einem geschlossenen Pub in Irland zu, weil er zu Hause so schlechtes Internet hat.

          Der schwedische Charme von Abba-Björn

          Der Anarcho-Stil des Abends setzt sich dabei fort. Michael „Bully“ Herbig vergibt als Mr. Spuck aus „Traumschiff Surprise“ die Punkte des Mondes, versucht aber mehrfach, dem eigenen Teilnehmer zwölf Punkte zu geben und beschimpft Steven Gätjen als blöde Kuh. Wer zur Jury des Mondes gehört, bleibt unklar – Alexander Gerst vielleicht? Die zwölf Punkte gehen jedenfalls an Deutschland. Aus mehreren Ländern melden sich die Eltern, Freunde oder Geschwister der Teilnehmer mit der Punktvergabe, was für einige Tränen auf der Bühne sorgt.

          Chantal Janzen und Jan Smit präsentieren „Europe Shine a Light“, die offizielle niederländische Ersatzshow aus Hilversum.

          Den erstaunlichsten Durchmarsch bei der Punktevergabe macht Ilse DeLange aus den Niederlanden, die mit ihrem Song „Changes“ lange ganz hinten liegt und dann doch fast den Sieg schafft. Sie muss sich Nico Santos mit „Like I Love You“ geschlagen geben, der für Spanien gewinnt. Auf Platz drei landet Max Mutzke für den Mond, dahinter Helge Schneider für Deutschland. Und auch wenn das alles ein paar Nummern kleiner war als der echte Eurovision Song Contest, nicht ganz so glamourös und viel mehr lustig als rührend: Bestens unterhalten war man an diesem Abend auf Pro Sieben auf jeden Fall.

          Besser jedenfalls als bei der endlosen Revue „Europe – Shine a Light“, die alle, wirklich alle Kandidaten, die unsere Kandidaten gewesen wären, kurz anspielt und eine Grußbotschaft aufsagen lässt. Manchmal gerät das immerhin sehr nett, etwa wenn Legenden wie Abba-Björn einbezogen werden. Das wirklich tragische am ARD-Abend aber ist, dass man am Ende ahnt, es mit einem eigentlich wirklich starken Jahrgang zu tun gehabt zu haben, in dem selbst so schöne, solide Beiträge wie der der bulgarischen Sängerin Victoria gnadenlos untergehen. Auch Australien war wieder einmal gar nicht übel, und man möchte diesen ehreneuropäischen Staat zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean so gerne einmal gewinnen sehen. Und welche unfassbare Feuer-, Wind- und Trickkleidshow hätte wohl die aserbaidschanische Sängerin Efendi mit ihrem Lied „Cleopatra“ hingelegt? Ja, das wäre unser Song Contest gewesen, schade auch. Ein Trost jedoch bleibt: Alle Teilnehmer bekommen im nächsten Jahr eine neue Chance – mit neuen Songs. Die Redaktion ist sich ziemlich sicher, dass zumindest Island und Russland nicht enttäuschen werden.

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