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„Isi & Ossi“ bei Netflix : Der Prinz und die Fröschin

  • -Aktualisiert am

Die beiden machen das Beste aus ihren Rollen: Lisa Vicari und Dennis Mojen spielen das Paar, das für seine Zweisamkeit über zwölf Runden geht. Bild: Netflix

Reiches Gör liebt armen Ritter: „Isi & Ossi“ ist der erste deutsche Netflix-Film. Leider ist er zu einer klischeeprallen Romantikkomödie mit viel Herz, aber wenig Raffinesse geraten. Eine herbe Enttäuschung.

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          Jedes Märchenhausbuch weiß: Königstöchter, selbst depperte, kommen immer an ihren Prinzen, und sei es über Umwege. Eine war bekanntlich sogar zu ungeschickt, um mit ihrer Goldkugel zu spielen: Ein Frosch musste ihr das Spielzeug aus dem Brunnen holen, ein Gefallen, für den sich der Retter gleich Tisch- und Bettzugang sicherte. Aber selbst hier reichte es aus, das glitschige Vieh an die Wand zu pfeffern, und ein Prinz sprang heraus. Das ist in groben Zügen (und ohne den psychoanalytischen Unterbau) auch die Handlung des ersten deutschen Original-Films auf dem Streamingportal Netflix, das hierzulande bislang nur einige Serien produzieren ließ. Dem in Stil und Sprache auf die Youtube-Generation zugeschnittenen Märchen „Isi & Ossi“, was mit „Tussi und Assi“ übersetzt werden kann (beide immerhin recht niedlich), ist es allerdings sichtlich darum zu tun, die bourgeoise Leserichtung umzukehren. Die Prinzessin wirft sich nun also selbst gegen die Wand und wird zum Frosch, weil sich ja auch im Tümpel das Glück finden lässt. Nehmt das, Rich Kids!

          Als Chefautor von „Bad Banks“ dürfte man bei Netflix einen Schuss frei gehabt haben. Umso mehr verwundert es, dass uns Oliver Kienle (Buch und Regie), der sogar Investmentbanking-Kauderwelsch dramaturgisches Gold abzugewinnen weiß, eine romantische Klischeekomödie vorsetzt, in der Arm und Reich auf derart billige Weise kollidieren. Eine soziologische Tiefenanalyse muss ja gar nicht immer sein. Aber wo das größte Problem der ungleichen Vermögensverteilung lautet: „Ich würd mich neben dir immer asozial fühlen“, muss man sich nicht wundern, wenn der Film über die Botschaft „Freundschaft ist wichtiger als Geld“ nicht hinauskommt. Einige anrührende Szenen gelingen zwar, aber das allein aufgrund des großen Engagements der noch unverbrauchten, aber bereits erfahrenen Hauptdarsteller: Lisa Vicari, schon als Kind in „Hanni & Nanni“ dabei, gab bei Netflix zuletzt die Martha in „Dark“; auch Dennis Mojen glänzte in zahlreichen Fernsehproduktionen.

          Es wirkt von der ersten Minute an, als sei Kienle auf dem Kontrastregler ausgerutscht. Isis Familie ist so reich, dass es schon wieder ein Witz ist, nur kein besonders guter (die gelangweilten Milliardäre, die parkhausgroße Garagen voller Oldtimer besitzen und ihr Leben mit lachhafter Kunst vertändeln), während auf der anderen Seite der Kämpfer Ossi, der alles für seine stets verschuldete Familie aus liebenswürdigen Proleten tun würde, gleich als Boxer reüssieren muss.

          Dass die von ihren Privilegien genervte Heldin den „IQ eines Gummibärchens“ besitzen soll, wirkt aber nicht nur wenig glaubhaft, sondern reduziert zusätzlich die Spannung zwischen den Figuren, weil in diesem Fall ja sozusagen auch der Frosch deppert ist. Um den Ausbildungserwartungen der Eltern (Hans-Jochen Wagner, Christina Hecke) zu entgehen, ohne vom Geldstrom abgeschnitten zu werden, schaltet Isi auf Teenage-Rebellion, wird Burgerbraterin in einem Schmuddel-Imbiss und bandelt rufschädigend mit dem kaputtesten Typen an, den sie finden kann, zumindest zum Schein: „Kannst du mich bitte richtig asozial küssen?“ Ossi wiederum wurde von der eigenen Mutter (Lisa Hagmeister) zu dieser Verbindung gedrängt („Du kriegst die locker rum“), weil sich da sicher ein paar Tausender rausleiern lassen. Ergo kommt es zu charmanten falschen Küssen. Man weiß ja, wie so etwas ausgeht.

          Für ungemein witzig hält Kienle die müde Opposition aus schniekem Heidelberg und schmutzigem Mannheim, das reiche Gören nur mit Pfefferspray betreten, wo dafür aber die krasseren Partys steigen. Richtig flach wird es dann bei den Nebenfiguren. Ossis gutherziger Macho-Kumpel (Walid Al-Atiyat) begrabscht unablässig dessen Mutter, Isis beste Freundin (Zoë Straub) ist die verwöhnteste Instagram-Ziege des Planeten, und bei Ossis knasterprobtem, fröhlich rassistischem Opa ist der humoristische Tiefpunkt erreicht, sosehr sich Ernst Stötzner abmüht, den idiotischen Einfall einer späten Gangsta-Rapper-Karriere irgendwie über die Bühne zu bekommen. Die Slapstick-Nummern nehmen so breiten Raum ein, weil die Grundhandlung selbst den Film erkennbar nicht trägt. Und natürlich kann man mit Klischees spielen, sie überdrehen, gegen sich selbst wenden, aber eine solch ironische Brechung erreicht „Isi & Ossi“ nie. Alle Stereotypen wirken wie unterlaufen. Es lässt sich allenfalls konstatieren, dass Arme wie Reiche hier gleich schlecht parodiert werden.

          Wenn die oft haarsträubenden Dialoge („Wenn man reich ist, kann man alles machen, was man will. Macht ihr aber nicht, weil ihr behindert seid“) nach knapp zwei Stunden in den Satz „Denn so ist das verfickte Leben“ münden, bleibt nur das resignierte Resümee, dass dieser grelle Netflix-Aufschlag, der seine eigentlich großartigen Darsteller unterfordert und nicht einmal als geschlechtergerechte „Pretty Woman“-Neuverfilmung durchginge, kaum den erhofften Epochenumbruch für die deutsche Mainstream-Filmkomödie bedeutet. Schade.

          Isi & Ossi ist von heute an auf Netflix abrufbar.

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