https://www.faz.net/-gqz-ab488

Tagesschau ohne Linda Zervakis : Der elegante Abgang

Sagte zum Abschied leise, „bleiben Sie Gesund“: Linda Zervakis verabschiedet sich von der Tagesschau. Bild: dpa

Nicht viel Worte verloren: Linda Zervakis verlässt nach acht Jahren die Tagesschau. Und zwar so, dass es der Zuschauer erst viel später bemerkt.

          1 Min.

          Menschen, die man wöchentlich mehrfach in sein Wohnzimmer lässt, beschäftigen einen. Auch, wenn sie nur via Bildschirm anwesend sind. Aber wer ist das dieser Tage nicht? So stutzte man also bei der letzten Sendung von Linda Zervakis als „Tagesschau“Sprecherin am Montagabend im Ersten: Wie, war es das jetzt? Ist sie jetzt weg? Wenn ja, wo will sie hin? Kommt sie wieder?

          Unsicherheit machte sich breit, weil das Abschiedsgebaren zumindest in der „Tagesschau“ (später in den „Tagesthemen“ gab es mehr Bohei) so knapp, man möchte fast sagen, hanseatisch, ausfiel. Hatte ihr Kollege Jan Hofer sich bei seinem Abschied am 14. Dezember des vergangenen Jahres zur besten Sendezeit nach 36 Jahren noch dramatisch die Krawatte abgebunden, um das Ende seiner Ära und den Feierabend, Verzeihung, den Umzug ins Privatfernsehen einzuläuten, und waren andere den Tränen nahe, begnügte sich Zervakis (seit acht Jahren „Tagesschau“-Sprecherin) am Montag mit einem, zumindest von außen betrachtet, ungerührten „Machen Sie es gut und bleiben Sie gesund“.

          Wow! Selbst wenn es bei der „Tagesschau“ ein internes Memo gäbe, das die Dinge, die Moderatoren zum Abschied tun und sagen dürfen, anhand geleisteter Dienstjahre festschreibt – dieser schlicht-schöne Abgang entfaltete seine volle Wucht erst, als man sich am nächsten Tag davon überzeugt hatte, dass es tatsächlich die letzte Sendung gewesen sein soll. Dies wurde auch dadurch nicht geschmälert, dass in den „Tagesthemen“, wo traditionell mehr Platz für Döntjes ist, ihr Kollege Ingo Zamperoni mit Blumen nachlegte und einen Ouzo dafür bekam.

          Als Walter Cronkite 1981 seinen Anchorman-Posten bei den CBS-Abendnachrichten abgab, sagte er, Moderatoren verschwänden nicht einfach: „They just keep coming back for more.“ Kann sein. Wir werden es erleben. Insgesamt brauchte Cronkite jedenfalls etwa eine Minute und zwanzig Sekunden für seinen Abgang – der bis zum Schluss nie wirklich einer war. Doch der Versuchung zu widerstehen, das große Wort zu führen, die fremde Rührung im eigenen Abschied heraufzubeschwören, ist ein großes Kunststück, das nicht nur am Bildschirm immer weniger gelingt, je länger man dabei ist. Wünschen würden wir uns, dass dieses Beispiel Schule macht: der Abschied in eleganter Knappheit. Zumal es ja so viele gibt, die – Stichwort CSU-Abgeordnete in der Maskenaffäre – kontinuierlich ihren Abgang verpassen. Von (einem Abschied in) Würde haben wir da noch gar nicht gesprochen. Und machen Sie jetzt bitte nicht den Fehler und gucken, was die Moderatorin bei Instagram geschrieben hat. Das ist Social-Media. Das zählt nicht.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rettungskräfte in der südisraelischen Stadt Sderot versorgen eine Frau nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am 12. Mai

          Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

          Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst hat viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?
          Erst akzeptiert Musk Bitcoin als Zahlungsmethode für sein Unternehmen Tesla, nun hat er Umweltbedenken.

          Kryptowährung : Bitcoin sind für Tesla zu umweltschädlich

          Der Elektroautohersteller war das prominenteste Unternehmen, welches die Digitalwährung als Zahlungsmittel akzeptierte – nun die Kehrtwende. Der Kurs bricht nach der Nachricht ein. Doch wie schmutzig sind die Kryptowährungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.