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Der Einmal-„Tatort“ aus Weimar : Wo sollen hier Verbrechen sprießen?

Schon mal einen Blick riskieren: Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln am Ende des kommenden Jahres einmal für den „Tatort“ aus Weimar Bild: dpa

Hier wirkte die deutsche Klassik, hier entstand Weltliteratur. Nun soll es auch einen „Tatort“ aus Weimar geben. Zwar nur ein einziges Mal, aber auch dafür bedarf es eines Drehbuchs. Wir haben einen Vorschlag.

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          Ein „Tatort“ aus Weimar: Das, in der Tat, hat auf dem ohnehin schon dichtbesiedelten Terrain der deutschsprachigen Sonntagabends-Ermittler noch gefehlt.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wenn wir recht gezählt haben, tummeln sich zwischen Kiel und Konstanz, Hamburg und Wien derzeit zwanzig Kommissariate, von denen zwei als Einmann- respektive Einfrau-Einheiten agieren (Lindholm/Furtwängler in Hannover, Murot/Tukur in Wiesbaden) und drei bisher bloße Zukunftsversprechen sind: Die neuen Ermittler in Saarbrücken, Til Schweiger und Fahri Yardim in Hamburg sowie das Jugendteam aus Erfurt stecken noch in den Dreharbeiten für ihre jeweils ersten Folgen und werden dann in kommenden Jahr ihre Debüts feiern. Ihr Auftaktspiel gerade hinter sich hat die Dortmunder Viererkette um Jörg Hartmann als Hauptkommissar Faber.

          Dass die wundersame Vermehrung all dieser Gesetzeshüter im öffentlich-rechtlichen Dienst nun aber auch Weimar erreicht, wundert auf den ersten Blick schon. Wo sollen in diesem beschaulichen Beamten-, Rentner-, Studenten- und Touristenstädtchen bloß die Verbrecher herkommen? Wo sollen in der unbestrittenen Kapitale deutscher Klassik jene kriminellen Infamien sprießen, die einen Polizeieinsatz überhaupt nötig machen?

          Ein Trostpflaster für die Verschmähte

          Eine richtige Antwort darauf scheint auch beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) niemand gefunden zu haben. Zwar gehört Weimar ins MDR-Sendegebiet und hat sogar ein Regionalstudio. Aber den Zukunfts-„Tatort“ aus Thüringen hat man eben doch in der Landeshauptstadt Erfurt angesiedelt, wo die Anstalt auch ein prächtiges Funkhaus besitzt. Es stellt sich, liest man die Pressemitteilung des Senders, denn auch rasch heraus: Der Weimar-Einfall war eine kompensatorische Idee, ein Trostpflaster für die letztlich doch verschmähte Schönheit an der Ilm.

          Denn nur ein einziges Mal soll hier ermittelt werden - zum Ende des kommenden Jahres. „Event-Ausgabe“ heißt so etwas im Kommunikationsjargon des MDR. Als Singulär-Kommissare engagiert hat man dafür bereits die Schauspieler Nora Tschirner und Christian Ulmen, über den geplanten Plot ist vorderhand nur zu erfahren, dass er „neben der Spannung auch eine Prise Humor“ enthalten soll.

          Aber natürlich kommt für das einmalige Verbrechen aus Weimar auch nur ein einziger Stoff in Frage - Friedrich Schillers Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ von 1786, dessen „Tatort“-Adaption hiermit gefordert sei. Die Geschichte spielt zwar nicht in Weimar und ist dort auch nicht entstanden - für ein professionelles Drehbuch alles kein Problem. Jedenfalls ist nur die Geschichte des Wilddiebs und Mörders Christian Wolf dem genius loci angemessen - als Schiller sie schrieb, hatte ihn Carl August von Sachsen-Weimar auch bereits zum Weimarischen Rat ernannt. Und 1799 kam er dann selbst, um Tür an Tür mit Herrn von Goethe weltliterarisch zu wirken.

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