https://www.faz.net/-gqz-71o3e

Der eingebildete Gast : Eine Einladung beginnt in der Küche

In seiner Küche war Heribert Prantl nur in seiner Phantasie zu Gast: Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts Bild: dpa

Was man tun muss, um den Henri-Nannen-Preis nicht zu gewinnen: Heribert Prantl schreibt über ein Abendessen bei Andreas Voßkuhle, das wohl nie stattgefunden hat.

          Andererseits: Wo kommen wir eigentlich hin, wenn jetzt auch noch die letzten deutschen Qualitätsjournalisten auf Journalistenpreise pfeifen? Heribert Prantl, der Innenpolitikchef der „Süddeutschen Zeitung“, hat sich jetzt jedenfalls schon mal vorsätzlich disqualifiziert. In einem Text über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts (in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 10. Juli), schilderte er ausführlich, wie es so zugeht, wenn der Richter seine Gerichte zubereitet, und zwar zuhause in der Küche.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sicherheitshalber war Prantl, wie jetzt eine Sprecherin des Verfassungsgerichts erklärte, „weder für diesen Artikel noch zu einem anderen Zeitpunkt von Herrn Voßkuhle zu einem privaten Essen eingeladen“ worden, könne daher auch nicht „aus persönlicher Anschauung mit den Kochgewohnheiten des Präsidenten vertraut sein“.

          Auf einen Preis weniger kommt es nicht an

          Man müsse „nicht gleich an den Fall Pfister denken“, schreibt der Berliner „Tagesspiegel“ dazu. Aber woran denn sonst? Mit seiner Fernwartung der Horst Seehoferschen Modelleisenbahn hatte der „Spiegel“-Autor vor zwei Jahren den Henri-Nannen-Preis erst gewonnen, dann wieder aberkannt bekommen. Seitdem weiß jeder, was man tun muss, um den Preis nicht zu gewinnen.

          Aus welcher Anschauung auch immer Prantl seine Informationen über Voßkuhles kulinarische Methoden bezog, sie schienen ihm bedeutender als so ein „Henri“. In der Küche des Richters nämlich, „dem Ort, an dem das Fleisch geklopft, der Fisch entgrätet, das Gemüse gegart und das Essen abgeschmeckt wird“, lüftet sich schließlich „eines der größten Geheimnisse der Republik“: das Beratungsgeheimnis der Richter in Karlsruhe. Selbstverständlich darf das der Öffentlichkeit nicht verschweigen werden, auf einen Preis weniger kommt es da nicht an.

          Den hätte man ruhig mal zum Essen einladen können

          „Bei Voßkuhles“, schrieb Prantl, „setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel und wartet, was aufgetragen wird. Eine Einladung (...) beginnt in der Küche: Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat. Zu diesem Arbeitsessen gibt es ein Arbeitsweinchen. Natürlich hat der Gastgeber alles sorgfältig vorbereitet, natürlich steht die Menüfolge fest; aber es entsteht alles gemeinsam. Jeder hat seinen Part, jeder hat was zu schnippeln, zu sieden und zu kochen, jeder etwas zu reden: Es geht um die Nudel, die Küchenrolle und um die Welt. Voßkuhle selbst rührt das Dressing. Man ahnt, wie er als oberster Richter agiert“.

          Im Übrigen ist Prantls Text eine Hymne, er verteilt Sterne im Stil eines „Guide Michelin“-Testers: Voßkuhle habe „hervorragende Qualitäten: eine schnelle Auffassungsgabe, eine kräftige Portion Selbstbewusstsein, großen, sehr großen Ehrgeiz, den ein heiteres Gemüt erträglich macht; er vermag wohltemperiert und eloquent zu reden, und er kümmert sich um seine Leute, seien sie Wachtmeister oder Verfassungsrichter.“

          Wer so nett über einen schreibt: Den hätte man ruhig mal zum Essen einladen können.

          Weitere Themen

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Zur Zukunft des Lesens

          Stavanger-Erklärung von E-READ : Zur Zukunft des Lesens

          Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig: Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa haben eine Erklärung zur Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung unterzeichnet.

          Topmeldungen

          Donald Tusk und Theresa May bei einem Treffen in Brüssel am 25. November 2018

          Liveblog zum Brexit : EU lehnt Mays Plan B umgehend ab

          +++ May will mit EU erneut über Nordirland-Auffanglösung verhandeln +++ Kein zweites Referendum +++ Corbyn: „nichts Neues“ +++ Alle Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog. +++
          Wie ausradiert: Die Zerstörung immer größerer Teile des Gehirns führt zum großen Vergessen und am Ende sogar zum Verlust der Persönlichkeit.

          16 Jahre vor der Demenz : Ein Bluttest für Alzheimer

          Unheilbar, aber nicht unsichtbar: Nachdem deutsche Forscher entdeckten, dass Alzheimer-Spuren lange vor Krankheitsbeginn im Blut zu finden sind, haben sie einen Bluttest entwickelt. Anwendungsreif ist er nicht.
          Die schwarz-rot-goldene Begeisterung ist groß in den Hallen der Handball-WM.

          WM-Kommentar : Der Erfolg des Handballs

          Egal, ob man harte Zahlen nimmt oder den weichen Faktor Gefühl: Diese Handball-WM ist bislang eine einzige Erfolgsgeschichte. Das verwundert nicht. Erstaunlich ist aber etwas anderes. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.