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Eberhofer-Krimi im Ersten : Nicht ohne meinen Leberkäse

Zu Tisch: Eberhofer (Sebastian Bezzel) und Sohn Paul (Luis Sosnowski). Bild: ARD Degeto/BR/Constantin Film

Das „Sommerkino im Ersten“ zeigt, was im echten Kino zurzeit Zwangspause hat: einen Eberhofer-Krimi nach Rita Falk, in dem es in Niederkaltenkirchen wieder einmal so richtig rund geht.

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          Der in absurde Einsamkeit dahin gebaute Verkehrskreisel von Niederkaltenkirchen ist für vieles zu gebrauchen. Man kann sich mittendrauf stellen und eine Einmanndemo gegen ein geplantes Wellnesshotel veranstalten. Man kann mit einer Toiletteninstallation Reklame für sein Installateurgeschäft machen („Ihr Geschäft in guten Händen“). Und man kann eine Runde nach der anderen drehen. Sechsunddreißig Runden fährt der Eberhofer-Franz (Sebastian Bezzel), um es genau zu nehmen, bis sein kleiner Sohn Pauli (Luis Sosnowski) auf dem Kindersitz endlich eingeschlafen ist. Das Rumkurven und der Hard Rock, den Papa Eberhofer dazu in seiner schrottreifen Polizeikutsche auflegt, haben das Söhnchen offensichtlich beruhigt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Prinzip also alles wie immer beim Eberhofer, dem anarchischen Dorfsheriff. Nur, dass er inzwischen Vater geworden ist. Mit Susi (Lisa Maria Potthoff) lebt er allerdings nicht unter einem Dach. Die beiden wechseln sich ab mit der Betreuung ihres Sohns, legen angeblich Wert auf Distanz und landen dann doch gemeinsam im Bett, um sich am nächsten Morgen gegenseitig zu versichern, dass sie „nur die Eltern vom Pauli“ sind, das eine Ausnahme war und nichts zu bedeuten hat. Überhaupt nichts, null Komma null.

          Auf Nulldiät würde der Arzt den Eberhofer aus gesundheitlichen Gründen gerne setzen. Beim Einsatz im ausgebrannten Hof der Mooshammer-Lisl (Eva Mattes) wird dem Polizisten angesichts einer verkohlten Frauenleiche erst übel, dann kippt er um. „Sie haben die Fitness-Parameter eines Siebzigjährigen“, sagt der Arzt, „sie sind ein Wrack.“ Wie schlecht Eberhofer auf den Beinen ist, wird sich bei diversen Verfolgungsjagden noch zeigen, bei denen dem „Leberkäsjunkie“ die Puste ausgeht. Was bleibt Oma Eberhofer (Enzi Fuchs) also anderes übrig, als ihre Küche umzustellen. Von jetzt an gibt es nichts Deftiges mehr, nur noch Gemüse, Broccoli-Tofu-Eintopf zum Beispiel (den nicht einmal der Hund mag). Und was bleibt Eberhofers Vater (Eis Gulp) anderes, als am Küchentisch zu verzweifeln? „Wegen dem Hirschen können wir jetzt unseren Komposthaufen z’samfressen.“

          Dass der Eberhofer-Franz die ihm auferlegte Diät bei jeder Gelegenheit unterläuft und mampft, was und wie es ihm gefällt, versteht sich für den Helden der Krimis von Rita Falk von selbst. Vor zehn Jahren hat sie ihren ersten Eberhofer-Roman vorgelegt, inzwischen ist sie bei Folge zehn angelangt, mit jeder einzelnen ist sie in den Bestsellerlisten gelandet. Die auf ihren Büchern basierenden Kinofilme füllen die Säle und sorgen für Volksfeststimmung. Die hätte es auch jetzt im August geben sollen, mit dem „Kaiserschmarrndrama“. Das aber hat die Corona-Krise verhindert. Den Film in nur halbgefüllten Kinos unter Abstandsregeln zu starten erschien der Produktionsfirma Constantin Film sinnlos, erst recht in Bayern.

          So müssen die Eberhofer-Fans heute Abend mit dem im vergangenen Jahr fertiggestellten „Leberkäsjunkie“ im Ersten vorliebnehmen, was sich unbedingt lohnt. Denn die Schauspieler sind mit den Figuren, die Rita Falk erdacht hat, so verwachsen, dass die Autorin, wie sie einmal in einem Interview sagte, selbst das Ensemble vor Augen hat, wenn sie schreibt: Sebastian Bezzel als Eberhofer-Franz; Simon Schwarz als dessen leidensfähiger Kumpel Birkenberger-Rudi; Enzi Fuchs, Eisi Gulp und die anderen spielen ihre Typen mit all der Originalitätswucht, die ihnen die von Stefan Betz und Ed Herzog (der auch Regie führt) adaptierten Bücher von Rita Falk vorgibt. Gar nicht zu bremsen ist in dieser Episode Eva Mattes als Mooshammerin, die nachts, Urschreigesänge von sich gebend, ums Feuer tanzt. Für diejenigen, die Eva Mattes und Sebastian Bezzel als Kommissare Blum und Perlmann im 2016 eingestellten Bodensee-„Tatort“noch in guter Erinnerung haben, ist das eine nette Reminiszenz.

          Bei aller Regionalverbundenheit, Typenzeichnung und Liebe zur bayerischen Anarchie kommentieren die Eberhofer-Krimis aktuelle gesellschaftspolitische Themen auf ihre menschlich-direkte Weise. Als der Stürmerstar des ansonsten hoffnungslosen Fußballclubs von Niederkaltenkirchen, Buengo (Castro Dokyi Affum), unter Mordverdacht gerät und vom depravierten Ortsmob von der Stadiontribüne herab rassistisch geschmäht wird, zückt der Eberhofer-Franz, der sonst stets die Ruhe weg hat, die Dienstwaffe schneller, als die Pöbler zur Bierflasche greifen können.

          „Zu viele Gefühle san immer scheiße“, hören wir den Eberhofer-Franz zu Beginn und am Ende sagen und wissen: Das entspricht seinem schlechtgelaunten Habitus, aber das glaubt er selbst nicht. Wäre es anders, lägen die Dinge in Niederkaltenkirchen wirklich im Argen. Mit einem solchen „Sommerkino im Ersten“ kann man es aushalten.

          Leberkäsjunkie läuft heute Abend um 20.15 Uhr im Ersten.

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